Folge 56: How to Demo: In 3 Tagen zur Großdemo für Collien Fernandes. Mit dem feminist fight club
Demo anmelden, mobilisieren und Reichweite schaffen: 5 Schritte aus dem feministischen Aktivismus mit Tipps zu Orga, Technik und Sicherheit.
Was tun, wenn ein politischer Fall so fassungslos macht, dass Scrollen echt nicht mehr reicht? Im Fall Collien Fernandes hat der feminist fight club innerhalb von drei Tagen eine Großdemo mit ca. 13.000 Menschen auf die Beine gestellt.
In dieser Folge erzählen Linh und Sky, wie aus „Irgendjemand müsste was tun“ konkrete Orga wurde - von der Demo-Anmeldung über Mobilisierung und Technik bis zu Ordner*innen, Sicherheit und Reichweite. Schritt für Schritt geht es darum, wie aus Ohnmacht Protest wird.
Gleichzeitig teilen wir Tipps, wie du dich einbringen kannst, ohne gleich eine ganze Demo zu verantworten.
Unterstütze den Podcast!
Direktüberweisung: DE70110101015771294175
Substack Newsletter & Mitgliedschaft
Folge mir gern auf Instagram, abonniere meinen Newsletter oder schreibe mir einen Liebesbrief an feminismusmitvorsatz@gmail.com
Werde Sprachnachrichtler*in
Interesse am Podcastberatung bekunden geht via laura.vorsatz@gmail.com

Shownotes:
feminist fight club auf Instagram
In 5 Schritten zur Demo:
1. Know your power
Du bist der „irgendjemand“ und demonstrieren ist ein Grundrecht. Jede Person kann eine Versammlung anmelden.
2. Du musst die Welt nicht alleine retten: Hol dir ein Team
Suche dir Menschen, die deine Wut teilen und Lust haben, mit anzupacken.
3. Fundament legen
Jetzt geht es um die Basics:
Thema und Titel der Demo
Datum, Uhrzeit und Ort festlegen
ggf. eine Route
Technik organisieren
Versammlungsleitung benennen
Ordner*innen finden
Demo anmelden
4. Reichweite schaffen
Damit Menschen von der Demo erfahren:
Social Media nutzen
Presse einladen
NGOs und Initiativen ansprechen
Menschen mit Reichweite um Unterstützung bitten
Redner*innen und Bühnenprogramm organisieren
5. Hab Spaß
So ernst der Anlass auch ist: Demo-Organisation kann Kraft geben. Gemeinsam Banner malen, sich gegenseitig unterstützen und merken, dass man nicht allein ist: Aktivismus ist ein Marathon, kein Sprint. Deshalb ist es wichtig, aufeinander zu achten, Grenzen zu respektieren und auch Freude an dem zu haben, was man gemeinsam auf die Beine stellt.
1000Dank an Linh und Sky sowie allen Beteiligten (u.a. von "Nur ja heißt ja") beim feminist fight club!


Musik von slip.stream
Coverdesign: Svenja Limke
Titelmusik: Louis Schwadron
Transkript
Die Folge als Text!
Bitte beachte: Das Transkript wurde automatisch mit Auphonic erstellt und ist nicht perfekt.
[0:22] Das ist Feminismus mit Vorsatz, der Podcast rund um feministische Perspektiven mit mir, Laura.
[0:28] Der Fall um Colleen Fernandes hat mich umgehauen. Ende März diesen Jahres, genauer gesagt an einem Donnerstag, kam die Spiegel-Recherche raus, in der ihr Ex-Mann mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, über Jahre Fake-Profile, pornografische Inhalte und digitale Gewalt verbreitet zu haben. Nur drei Tage später, am Sonntag, stand ich mit, sagen wir, 12.999 anderen vom Brandenburger Tor. Organisiert hatte diese Kundgebung der Feminist Fight Club. Ich war gerührt und gleichzeitig fasziniert. Wie lässt sich denn in so kurzer Zeit eine Demo organisieren? Wie lässt sich überhaupt eine Demo organisieren? Ich hatte keine Ahnung. Muss man dafür Juristin sein, Kontakte zu PolitikerInnen haben oder jahrelang Aktivisti gewesen sein?
[1:14] Ich habe den Feminist Fight Club höchstpersönlich gefragt und naja, die kurze Antwort ist nein. Die längere Antwort findest du in dieser Folge, in der ich mit Lynn und Sky spreche. Beide sind Anfang 20 seit Jahren bei Fridays for Future aktiv und haben gemeinsam mit anderen die Kundgebung im Fall Colleen Fernandes mitorganisiert. Sie erklären Schritt für Schritt, wie aus dem Gedanken, irgendjemand müsste doch was tun, eine Demonstration werden kann. Genauer gesagt besprechen wir fünf Schritte, die es laut Lynn und Sky zur Demo braucht. Mit Demo-Anmeldungen, MitstreiterInnen-Aufgaben, Reichweite schaffen. Nach dieser Folge weißt du alles rund um How to Demo, denn ganz am Ende dieser Folge fasse ich die Schritte auch nochmal zusammen. Du kannst dich auf ein Gespräch freuen, das deine Finger zum Kribbeln bringt, wie ferngesteuert werden sie sich plötzlich durchs World Wide Web klicken wollen und das passende Formular beim Ordnungsamt oder der Versammlungsbehörde ausfüllen wollen. Glaub mir. Aber hör selbst.
Speaker1:
[2:13] Ich bin Lynn. Wir haben beide eigentlich bei Fridays for Future mit dem Aktivismus angefangen und so eigentlich auch so demonstrieren gelernt, in Anführungszeichen. Also wir sind beide seit 2019 einfach bei Fridays for Future und dort auch immer noch aktiv und kommen beide nicht aus Berlin, sondern aus kleineren Städten, in Baden-Württemberg auch, ne? Beide aus Baden-Württemberg.
Speaker0:
[2:34] Ganzig, kleines Kaff.
Speaker1:
[2:36] Und haben deswegen auch ein bisschen so in kleinen Städten angefangen zu demonstrieren, was halt ein großer Unterschied zu Berlin ist. Und ich würde sagen, in Berlin macht das einfach riesig Spaß, weil wir einfach super viele Leute hier kennen, die das gemeinsam mit uns machen. In kleinen Städten ist es auch süß auf jeden Fall und das hat einfach einen ganz anderen Charme. Aber ansonsten, ich bin Lynn, ich bin 23 Jahre alt, ich studiere Ökologie und Umweltplanung. Und also ich glaube, so ein Leitsatz, der sich irgendwie durch mein Leben zieht, oder woran ich mich irgendwie ein bisschen messen will, ist, dass ich vor Ungerechtigkeit meine Augen nicht verschließe. Und dazu gehört einmal das Engagement gegen die Klimakrise, aber dann auch feministische Themen einfach. Und hat sich in Berlin dann quasi im Demokontext bei mir so manifestiert, dass ich mal immer wieder feministische Demos mitorganisiert habe. Und wir eigentlich auch gar kein Label hatten, weil das waren eigentlich viele Leute aus der Klimabewegung, die dann wieder zusammengekommen sind und dachten, okay, das ist so ungerecht. Wir müssen jetzt dazu einfach laut werden. Und dann kam Colleen und wir dachten, okay, jetzt stehen wir wieder zusammen. Vielleicht brauchen wir irgendwann mal ein Label. Und so hat sich dann der Feminist Fight Club gegründet. Und deswegen würde ich auch bei mir immer sagen, also ich bin Lynn von Fires for Future, aber auch vom Feminist Fight Club.
Speaker2:
[3:51] An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass die Initiative Nur Ja heißt Ja den Stein zur Colin-Fernandes-Kundgebung erst zum Rollen gebracht hat. Lynn und Sky denken sie also immer mit. Nur Ja heißt Ja setzt sich für eine Reform des Sexualstrafrechts in Deutschland ein und ist deswegen auch immer eine Spende wert. Oder du gehst den PolitikerInnen um die Ecke mit dem Abgeordnetentool auf die Nerven, das findest du auf der Webseite von Nur Ja heißt Ja, bis Ja heißt Ja endlich Gesetzesgrundlage wird.
Speaker0:
[4:20] Ich bin Skye, ich bin 21 Jahre alt. Ich bin auch schon seit 2019 bei Fridays for Future aktiv. Also mein persönlicher Fokus lag immer auch sehr innerhalb der Klimabewegung auf dem Gerechtigkeitsaspekt von Klimagerechtigkeit. Und für mich bin ich so in die feministische Bubble vom Berlin-Aktivismus reingekommen, als ich den Flintermarch 2025 initiiert habe. Und das war tatsächlich ein bisschen krass. Das ist wahrscheinlich auch die Demo, auf die ich in meinen jetzt über sieben Jahren Aktivismus-Erfahrungen wirklich mit Abstand am stolzesten bin.
Speaker1:
[4:58] Das war auch voll die schöne Demo.
Speaker0:
[4:59] Es war so eine tolle Demo und keine Ahnung, es war eine Idee, die aus ganz viel Frust entstanden ist. Und dann standen wir anderthalb Monate später auf einmal mit 15.000 Leuten vorm Brandenburger Tor. Das war November 2024. Da war ja sowieso super viel frustrierend, politisch super viel abgegangen, sowohl in Deutschland mit dem Koalitionsbruch als auch dann irgendwie US-Politik. Gerade so im Bereich Frauenrechte und im Bereich Transrechte hat man einfach immer mehr und mehr gesehen, wie Rückschritte gemacht werden global. Und dann nochmal eine Nachricht über den Femizid und das hat mich ohnmächtig gemacht. Ja und dann habe ich nachgedacht über diese ganzen Sachen, die ich auf Social Media sehe und ich hatte den Gedanken und den habe ich ganz oft, irgendjemand muss doch was tun und.
Speaker0:
[5:54] Dann habe ich mir gedacht, Moment, ich bin irgendjemand, ich tue jetzt was. Und ich glaube, das war so ein ganz großer Schlüsselmoment für mich. Dann habe ich eine Freundin angerufen, war nur so, hey, ich will eine feministische Großdemo hochziehen. Wir haben keine Hintergrundorga, wir haben noch gar nichts. Ich bin dabei, bist du auch dabei? Dann habe ich diese Anrufkette eben noch bei ein paar anderen Menschen wiederholt. Und eine Woche später hatten wir ein sehr detailliertes Google-Spreadsheet und ein paar Menschen, die wirklich motiviert waren, was zu verändern. Und dann, keine Ahnung, anderthalb Monate später standen wir mit 15.000 Leuten vor dem Brandenburger Tor. Und ich erinnere mich noch, ich stand auf dieser Bühne, ich habe einen Redebeitrag gehalten und ich habe von dieser Bühne runtergeschaut und so viele Menschen gesehen. Und das hatte ich wirklich nicht erwartet. Und es war ein überwältigendes Gefühl. Als hätte ich endlich ein Zeichen gesehen, dass ich nicht alleine bin mit diesen Gefühlen, dass es so vielen anderen Menschen genauso geht. Und das ist, glaube ich, so der größte Punkt und das größte Learning, dass ich auch nach jeder Demo oder dass wir, glaube ich, alle nach jeder Demo irgendwie mit ein bisschen mehr Kraft rausgehen. Einfach weil wir sehen, wir sind nicht alleine. Wir sind so viele. Wir müssen uns einfach nur finden. Und zwar ja bei der Coline-Demo auch so ein ganz großes Ding, oder?
Speaker2:
[7:13] Ja, ja, klar. Letztendlich bin ich ja auch auf die Idee gekommen, euch interviewen zu wollen aufgrund des Coline-Fernandes-Falls. Sage ich mal. Also als ich davon mitbekommen habe, war ich
Speaker2:
[7:25] Ich glaube, es ist ehrlich gesagt noch nie passiert, dass ich wirklich so eine Woche lang im Schockzustand war und irgendwie immer wieder versucht habe, neue Informationen oder also mich weiter irgendwie mit diesem Fall zu beschäftigen, um das vielleicht irgendwie besser zu verstehen, was da tatsächlich passiert ist. Aber letztendlich immer wieder an diesen Punkt zu kommen, es ist einfach nicht zu verstehen und ihr habt es einfach geschafft innerhalb von drei Tagen. Am Donnerstag kam die Spiegelrecherche und innerhalb von drei Tagen habt ihr es geschafft, diese Kundgebung aus dem Nichts zu stampfen. Also während ich immer noch im Grunde so im Freeze-Mode war oder so, das Einzige, was sich bewegt hat, war mein Daumen, der sich halt weiter durch die Sachen gescrollt hat und geteilt, geteilt, geteilt hat, habt ihr diese Kundgebung auf die Beine gestellt und am Sonntag war ich dann da. Und das war wirklich auch so abgesehen davon, dass ich mich dann natürlich auch irgendwie mit Freundinnen ausgetauscht habe und das hilft ja dann auch immer schon irgendwie so zu merken, okay, die beschäftigt das auch mega krass und die haben irgendwie auch unzufriedenstellende Gespräche mit ihren Partnern oder
Speaker2:
[8:36] Freunden und so und merken irgendwie so, hä, also warum bewegt dich das irgendwie nicht genauso krass wie mich, was ist da los, was läuft da irgendwie schief? Und dann sich eben auf dieser Kundgebung wiederzufinden, war halt so heilsam. Ich bin auch mit meiner Tochter hingegangen. Ich war halt einfach nur da. Es war ja auch voll gutes Wetter. Also es ist halt einfach alles so voll schön zusammengekommen. Und ich habe mich so aufgehoben gefühlt in diesem Moment. Und das war dann wirklich der Punkt, wo ich mich gefragt habe, wie zur Hölle haben
Speaker0:
[9:07] Die das gemacht?
Speaker1:
[9:08] Ja, ich glaube, da gab es einfach ganz viele Faktoren. Aber ich glaube, der erste Schritt ist halt wirklich immer zu checken. Hey, man kann jetzt ja tatsächlich was machen. Man ist gerade gar nicht daran gebunden. Einfach wirklich nur zu scrollen, sondern man kann auf die Straßen gehen, man kann laut sein und eben Ort dafür anbieten. Und ja, das ging tatsächlich einfach so los. Also Donnerstag kam diese Spiegelrecherche raus. Und genau, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag habe ich dann eine DM bekommen von Nur Jahr ist Jahr. Nur Jahr ist Jahr ist eine Organisation, die sich für das Reform des Sexualstrafrechts einsetzt. Und zum Beispiel Nur Jahr ist Jahr, auch gesetzlich verankern möchte. Und die haben mir dann geschrieben und waren so, Heilin, wie geht's dir? Plan dir etwas Spontanes, um einen Kolinfall zu organisieren? Und ich war dann so, ich checke ab, aber bestimmt. Und dann hatten wir quasi am nächsten Tag um 14 Uhr den Orga-Call und da waren 20 Leute drin. Und ich würde sagen, das ist auch relativ ungewöhnlich, dass innerhalb dieser wenigen Stunden, also ich habe Freitagmorgen dann die Nachricht rausgesendet, wir haben wirklich innerhalb von vier Stunden oder so was 20 Leute mobilisiert, die unbedingt diese Demo mit organisieren wollen und das zeigt schon einfach, wie krass dieses Thema eingeschlagen hat und ja, dann saßen wir in diesem Call, haben Aufgaben verteilt und weniger als 48 Stunden später hatten wir eine fertig organisierte Demo und standen halt mit 13.000 Leuten vor dem Brandenburger Tor und ja, es war einfach krass.
Speaker2:
[10:35] Wenn ich jetzt auch diesen Impuls gehabt hätte an diesem Donnerstag, ich möchte jetzt eine Demo organisieren, wie wäre ich da vorgegangen?
Speaker1:
[10:44] Der erste Schritt ist immer zu wissen, know your power. Also so, jeder hat das Recht, eine Versammlung anzumelden. Und Versammlungen sind auch einfach ein Mittel demokratischer Partizipation.
Speaker0:
[10:54] Und eben auch Artikel 8 Grundgesetz. Also das ist Grundgesetz in Deutschland, dass wir das Recht haben, uns friedlich unter freiem Himmel zu versammeln.
Speaker1:
[11:04] Genau. Und wenn man sich dessen klar ist, sollte man sich im zweiten Schritt darüber klar werden, dass man nicht allein die Welt retten muss. Hol dir dann Leute dazu. Du kannst die Demo nicht allein organisieren. Und die Colleen-Demo war auch wirklich nur nur möglich, weil so viele Leute direkt von Anfang an gesagt haben, hey, wir machen das, wir sind am Start.
Speaker0:
[11:24] Und so dieses Gemeinschaftsgefühl, das sich auch im Vorhinein beim Demo-Organisieren bildet, das hilft gegen diese Ohnmacht. Also ich weiß nicht, du hast gerade schon gesagt, du hast dich mit deinen Freundinnen ausgetauscht und das hat schon geholfen. Das ist quasi das bloß in so ein bisschen noch einem, man nimmt diese Energie und leitet sie dann eben auf die Straße und holt noch mehr Leute dazu. Aber das, was man rausbekommt aus diesem Austausch mit Freundinnen, aus dem Austausch mit Menschen, die dieses Gefühl verstehen, das einen antreibt, das einen vielleicht auf die Straße treibt, in unserem Fall jetzt da, das zu etwas zu machen, was dann tatsächlich auch auf der Straße steht. Dafür braucht man eben erst mal das Gefühl, nicht komplett alleine damit zu sein.
Speaker0:
[12:06] Und dann im dritten Schritt hatten wir gesagt, Fundament legen ist super wichtig. Also eine Demo organisieren zu wollen ist toll. Da muss man aber eben erst auch mal noch wissen, wann will man diese Demo organisieren. Man muss ein Datum festlegen, man muss einen Ort festlegen und Lynn hat ja gerade schon gesagt, man braucht ein Team. Und dann, was auch super wichtig ist, weil Leute wollen auch hören, was auf einer Demo, auf einer Kundgebung gesagt wird. Man braucht Technik. Für Menschen, die Demos organisieren wollen, die das vielleicht noch nie gemacht haben, vielleicht auch in kleineren Städten sind, Jugendzentren, Vereine, Kirchengemeinden, Schulen in ein bisschen größeren Städten, Universitäten, die haben meistens irgendwie so ein bisschen Technik und leihen die einem auch gerne aus. In größeren Städten wie Berlin hat zum Beispiel die Technische Uni noch einen Pool, wo man sich Technik ausleihen kann. Cool.
Speaker0:
[12:59] Das ist aber nicht überall der Fall. Und im Zweifelsfall einfach durchfragen. Es gibt viele Orte, wo man sich irgendwie Technik ausleihen kann. Man muss einfach durchfragen. Im Zweifelsfall auch andere Orgas-Fragen, die schon Demos organisiert haben in der Stadt, in der man ist. So, hey, wo habt ihr denn eigentlich eure Technik her?
Speaker1:
[13:14] Genau, ich glaube, es lohnt sich auch generell einfach Orgas, die man vielleicht verfolgt, von denen man weiß, dass die in letzter Zeit Proteste organisiert haben. Einmal kurz zu fragen, wie die Lage vor Ort ist, ob sie irgendwelche Tipps haben, ob sie irgendwelche Adressen haben, an die man sich wenden kann. Und die meisten Orgas, würde ich sagen, sind auch da immer sehr hilfsbereit und offen. Ja, wirklich. Ja, aber ich würde sagen, Technik ist wirklich auch so ein Grundschritt. Das war für uns, für die Colin Fernandes Demo auch so der erste Schritt, den ich abgeklärt haben wollte. Also wir wussten halt nicht so ganz, wer die Technik diesmal macht. Und bis wir keine Technik hatten, haben wir halt auch nicht angemeldet. Aber es hat sich dann auch zum Glück sehr, sehr schnell geklärt. Weil, ja, dass Menschen auf einer Demo etwas hören können, ist schon sehr essentiell, würde ich behaupten.
Speaker0:
[13:54] Das stimmt. Ist ja auch eine öffentliche Meinungskundgebung, Wenn man die Meinung nicht hören kann, dann ist das ein bisschen doof.
Speaker1:
[14:00] Ja.
Speaker0:
[14:00] Ja, und dann muss die Demo angemeldet werden. Das ist vielleicht tatsächlich eine wichtige Info. 48 Stunden vor der Versammlung passieren. Also 48 Stunden, bevor man eine Demo macht.
Speaker1:
[14:12] Ja. Aber sonst fällt das auch ins Spontan-Demo rein.
Speaker0:
[14:14] Es gibt Spontan-Versammlungen. Das ist dann ein bisschen komplizierter, so rechtlich. Da muss man sich dann auf jeden Fall reinlesen, damit man nicht versehentlich was falsch macht. Aber wenn man 48 Stunden oder mehr als 48 Stunden vor einer Demo die Demo anmeldet, dann reicht auch das Anmelden der Demo. Man braucht keinen Bescheid, man braucht keine Rückmeldung. Das reine Anmelden einer Demo 48 Stunden bevor die Demo stattfindet reicht aus, rechtlich.
Speaker2:
[14:40] Das stimmt fast. Tatsächlich muss eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel spätestens 48 Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe, dass es überhaupt eine Demo geben wird, bei der zuständigen Behörde angezeigt werden. In der Praxis warten aber viele nicht auf eine Rückmeldung oder so, sondern starten direkt nach der Anmeldung mit der Mobilisierung, mit der Werbung für die Demo, weil es sich eben um eine Anzeige und nicht um eine Genehmigung handelt.
Speaker0:
[15:07] Trotzdem ist es natürlich immer gut, auf Rücksprache zu warten, mit der Polizei im Gespräch zu sein, einfach weil das für einen sehr viel entspannteren Ablauf sorgt, wenn man da nicht irgendwie anfängt, Stress zu machen.
Speaker0:
[15:21] Ja, und in Berlin kann man diese Versammlungsanmeldung oder Versammlungsanzeige online machen. Da gibt es ein Formular. In kleineren Städten sucht man sich am besten die Mailadresse vom Ordnungsamt raus. Man kann auch einfach googeln, Versammlung anmelden und dann den Namen der Stadt, in der man eine Versammlung anmelden will. Und dann kommt eigentlich meistens als erstes die Anlaufstelle, wo man diese Versammlung anmeldet. Es gibt manchmal Formulare dafür, manchmal reicht auch einfach eine formlose E-Mail. Aber die wichtigen Infos, die drin sein müssen, das ist das Thema bzw. Der Name der Versammlung oder der Demo, der Ort. Wenn man eine Laufdemo machen will, dann muss die Route auch noch drin sein. Die kann man im Zweifelsfall einfach in einen Google Maps Screenshot einzeichnen und sich dann die Straßennamen rausschreiben. Also es ist wirklich kein, es klingt komplizierter, als es ist. Die Demo-Route, die muss dann auch in dieser Anwendung drin sein. Dann braucht es noch das Datum und die Uhrzeit. Wie viele TeilnehmerInnen man ungefähr erwartet, das kann man natürlich meistens nicht vorhersagen. Also ich schaue mir immer an so, okay, wie viele Menschen reden gerade irgendwie in meinem Umfeld, aber auch auf Social Media über ein Thema und wie viele Leute kommen irgendwie sonst auf Demos. Und dann schätze ich eben so eine ungefähre Zahl ab. Wenn man das nicht abschätzen kann, dann kann man das aber auch einfach reinschreiben. So, ich kann es gerade nicht einschätzen, vielleicht ungefähr so und so viele Leute.
Speaker2:
[16:38] Kurze Unterbrechung in eigener Sache. So und so viele Leute unterstützen meinen Podcast und ich freue mich über jeden Taler, jedes liebe Wort und jede Appreciation, die so übers Teilen und Bewerten des Podcasts sichtbar wird. Für die nächste Folge habe ich auf meine Interviewanfrage ein, warum kenne ich deinen Podcast nicht, natürlich sprechen wir, bekommen. Und ich muss ja eingestehen, so richtig viele Leute kennen Feminismus mit Vorsatz nach wie vor nicht. Kannst ja nochmal überlegen, wer enttäuscht sein könnte, das Ganze hier jahrelang verpasst zu haben. Schick doch mal einen Link rüber. Und wenn du möchtest, dass die feministische Reise weitergeht, schau mal in die Shownotes. Dort gibt es die IBAN für Direktüberweisungen und Links zu PayPal und Substack. Tausend Dank, dass du zuhörst und mir über Stock und Stein folgst. Jetzt geht es weiter mit How to Demo.
Speaker2:
[17:29] Was hattest du bei Colin Fernandes reingeschrieben?
Speaker1:
[17:32] Ich glaube, wir haben im ersten Schritt erst mal 500 angemeldet, weil das so eine Standlead-Zahl ist, die man da einfach einmal angibt und so weiter und so fort. Ich glaube, wir haben im Nachgang vielleicht nochmal auf 1000 erhöht oder sowas. Genau, das ist aber auch relevant dafür, wie viele HelferInnen man dann vor Ort haben muss und so. Und deswegen im Zweifel weiß die Polizei eigentlich oder kann die Polizei in dem Fall auch ein bisschen einschätzen, wenn viele Medienberichte gerade draußen sind, dass viele Leute auch kommen werden. Ich glaube, es war dann irgendwie uns auch ein bisschen klar, dass das ein bisschen größer sein wird. Wir wussten aber natürlich trotzdem im Vorhinein nicht, wie viele am Ende dann tatsächlich auftauchen werden.
Speaker2:
[18:09] Okay, es ist dann aber, also ich verstehe jetzt richtig, dass es dann auch nicht so schlimm ist. Also ihr habt ja in dem Fall sehr weit unter der Zahl, die dann tatsächlich zusammengekommen ist, geschätzt. Daran orientiert sich, wie viele HelferInnen ihr braucht. Das heißt, ihr habt dann erst mal so viele, wie man halt für 1.000 TeilnehmerInnen braucht, gehabt. Und das ist dann die Zahl, an die ihr euch gehalten habt. Dadurch, dass dann mehr Leute gekommen sind, waren aber natürlich trotzdem nicht automatisch mehr Helfer dabei, nehme ich an, oder?
Speaker1:
[18:39] Also wir haben schon geschaut, dass wir genug Ordnees auf jeden Fall mobilisieren und im Zweifelsfall auch eine größere Masse eben dort gut begleiten können und dass die Demo eben sicher bleibt und ein sicherer Ort auch. Ich glaube, bei uns ist es so, dass wir ein bisschen den Luxus haben, dass wir viele Leute haben, die eben schon sehr oft geordnet haben, die man auch irgendwie spontan dafür anfragen kann und gerade auch Leute, die eben auch Ansprechpersonen dann dafür sind und dann einfach so vier bis fünf andere Ordnees einfach begleiten und dann sich irgendwie in Gruppen dann dort aufhalten. Und das hilft dann einfach, dass man irgendwie so mit, ich weiß nicht, so 20, 30 Leuten schon einfach gut eine Fläche da abdecken kann.
Speaker0:
[19:18] Ja, das ist aber auch, weil das jetzt schon wieder so klingt, als würde man super viel brauchen. Das ist auch nicht immer der Fall gewesen. Also ich erinnere mich noch, als ich 2019, da war ich tatsächlich erst 14 Jahre alt, meine erste FFF-Demo mitorganisiert habe, haben wir, also jede Person über 18 kann theoretisch OrdnerInnen sein. Wir haben zum Teil einfach Teilnehmende auf der Demonstration angesprochen, waren nur so, hey, wir brauchen noch OrdnerInnen, könntest du dir das vielleicht vorstellen? Dann erklärt man denen einmal kurz, was der Job ist und dann läuft das auch eigentlich meistens gut.
Speaker2:
[19:54] Und was ist der Job?
Speaker0:
[19:55] Der Job ist, die versammlungsleitende Person, deren Kontaktdaten übrigens auch noch in die Anmeldung rein müssen, das habe ich gerade noch nicht gesagt, der versammlungsleitenden Person dabei zu helfen, die Auflagen, die man von der Polizei bekommt, durchzusetzen. Und dadurch eben dafür zu sorgen, dass die Demo für alle Menschen ein sicherer Ort ist, wo eben keine Sachen passieren. Also so schauen, dass wenn irgendwie...
Speaker1:
[20:21] Wenn der Blatt zum Beispiel sehr voll ist, dass man irgendwie Leute darauf hinweist, nochmal vielleicht in die eine oder in die andere Richtung zu rücken oder darauf hinzuweisen, welche Flächen gerade noch frei sind, wo die Menschen eigentlich jetzt noch hin können und so weiter und so fort. Das ist relativ wichtig oder ich glaube, im Standard-Ordnungs-Arm-Briefing steht dann auch immer drin, keine Waffen, keine Drogen, kein Alkohol und irgendwelche Sachen.
Speaker0:
[20:44] Keine Glasflaschen, keine...
Speaker1:
[20:45] Also keine, also ja, genau, einfach Dinge, die offensichtlich allgemein gefährdend für eine Menge sind. Und ich glaube, bei uns ist es dann auch häufig noch so, dass wir eben gucken, was unserer Demo-Consens ist, ob wir zum Beispiel Flaggen erlauben wollen oder Transparente. Und teilweise ist es dann auch nochmal eine Aufgabe, die wir an unsere Ordnees weitergeben, dass sie darauf achten sollen, dass eben bestimmte Plakate oder Symboliken oder eben auch am Ende vielleicht Parteiflaggen jetzt nicht öffentlichen Raum auf der Kundgebung finden sollten.
Speaker0:
[21:17] Genau. Oder wenn Leute, das passiert tatsächlich ganz oft, ist super banal, man denkt häufig nicht dran, aber wenn Leute halt mit Fahrrädern normalerweise auf diesen Weg fahren, dann versuchen die auch ganz gerne mit Fahrrädern einfach an der Versammlung vorbei oder durch die Versammlung durchzufahren, denen zu sagen, dass die absteigen müssen. Solche Sachen. Also es ist tatsächlich relativ einfach. Und das können super viele Menschen machen. Das müssen auch nicht die Leute aus dem Orga-Team sein. Also keine Ahnung. Damals, als wir die ersten Face for Future Demos angemeldet haben, waren das super häufig die Eltern von den Leuten, die eben die Demo organisiert haben oder die Großeltern oder dann die Tante und vielleicht irgendwie noch eine Lehrkraft aus der Schule, wenn die uns positiv gesinnt waren. Das können wirklich eigentlich alle Menschen machen, solange sie einmal sich kurz die Aufgaben anschauen.
Speaker2:
[22:05] Cool.
Speaker0:
[22:06] Ja, das ist auch tatsächlich was, wenn sich Menschen denken so, ja, okay, ich weiß jetzt nicht, ob ich mir jetzt schon zutraue, eine Demo anzumelden, aber ich möchte gerne helfen. Eigentlich alle Demos suchen immer noch OrdnerInnen im Vorhinein. Das heißt, eine halbe Stunde zu früh da sein und sagen, hey, ich kann ordnern, das hilft auch Orgas schon wirklich ganz, ganz dolle.
Speaker1:
[22:27] Ja, das stimmt. Also eine halbe Stunde ist eigentlich eine gute Kennzahl. Aber auch wenn du erst 15 Minuten vorher da bist oder gerade zum Demo-Beginn, kannst du immer zur Bühne einmal gehen und fragen, hey, braucht ihr noch Unterstützung? Ich wäre voll offen dafür zu ordnen. Und meistens haben sie dann auch Demo, also so Warnwesten da oder Ortenbinden und so. Und die starten dich dann auch aus vor Ort und sagen dir dann, was deine Aufgaben wären und so weiter und so fort.
Speaker0:
[22:49] Und ja, meistens wird eben im Vorhinein mit der Polizei abgesprochen, wie die OrdnerInnen gekennzeichnet sind. Das sind immer entweder so weiße Binden, auf denen OrdnerInnen draufsteht, beziehungsweise in Bayern nur Ordner, weil da ist es tatsächlich verboten, diese Binden zu gendern. Es ist ein Fest. Oder eben Warnwesten. Aber da ist meistens eben die Kennzeichnung abgesprochen. Und wenn man dann mit einer anderen Kennzeichnung da auftaucht, dann sorgt das immer eher für Verwirrung.
Speaker2:
[23:15] Okay. Und könnte man das auch zu zweit machen, also dass man dann zu zweit rumläuft?
Speaker1:
[23:20] Ja, also voll oft ist es so, dass wir auch wollen, dass unsere Ordnys im Team unterwegs sind, damit man vor allem, also falls es dann doch zu irgendwelchen Zwischenfällen kommt, dass man nicht allein in diese Situation reingeht.
Speaker0:
[23:32] Ja.
Speaker1:
[23:32] Aber meistens verläuft auch alles sehr, sehr friedlich. Und gerade bei Zwischenfällen ist es auch so, dass man das vielleicht auch als Orgney-Person erst mal nur beobachtet und dann direkt vielleicht die Ansprechperson einfach hinholt und am Ende gar nicht selbst eingreift. Also es ist wirklich sehr low-key, ein sehr guter Weg, um mitzumachen, wenn man nicht viel Zeit hat, aber trotzdem dabei sein möchte.
Speaker2:
[23:54] Voll, mega gut. Nochmal zu der Anmeldung der Versammlung und dann auch der Rolle der Versammlungsleitung. Weil ich frage mich schon so ein bisschen so, es klingt einfach nach sehr viel Verantwortung. Also in meiner Vorstellung trägt man dann die Verantwortung für diese Veranstaltung, zu der dann einfach 13.000 Leute kommen. Also das ist schon ein bisschen... Intimidating. Wie geht man damit um? Oder ist die Verantwortung letztendlich gar nicht so krass bei einem rechtlich gesehen?
Speaker0:
[24:29] Ich verstehe voll, dass das irgendwie im ersten Moment super intimidating wirkt. Aber man muss auch dazu sagen, nicht jede Demo hat 13.000 Leute. Die allermeisten Demos, die man irgendwie anmeldet und die man organisiert, gerade wenn man das neu macht und noch nicht so viel Möglichkeit hat, auch zu mobilisieren, sind dann vielleicht irgendwie am Anfang erstmal 50, 100, vielleicht 500 Leute. Und dann ist diese Verantwortung auch gar nicht mehr so groß. Und im Zweifelsfall ist es immer erst mal so, jede Person, die auf eine Demo geht, ist erst mal für sich selbst verantwortlich. Was eben die Aufgabe der Versammlungsleitung ist, ist einmal die Auflagen durchzugeben. Das heißt zu sagen so, hey, liebe Demo-Teilnehmende, das sind die Regeln, die wir hier haben. Bitte habt keine Glasflaschen, bitte habt keine Stöcke, die mehr Durchmesser haben als zwei Zentimeter. Da kriegt man meistens so ein Papier, auf dem das draufsteht oder eine PDF, wenn wir digitalisiert sind. Wir freuen uns. Und da steht wirklich alles genau drauf. Das muss man dann halt einmal der Versammlung irgendwie mitteilen. So hey, das sind die Spielregeln. Wer sich dann aber nicht an die Spielregeln hält, ist auch erst mal für sich selber verantwortlich.
Speaker0:
[25:34] Und dann ist eben die Aufgabe der Versammlungsleitung vor allem erst mal die Verbindungsperson zu sein zwischen der Polizei und der Versammlung. Das heißt, die Versammlungsleitung spricht für die Versammlung mit der Polizei. Kriegt man dann meistens auch eine Person von der Polizei, die eben heißt Verbindungsbeamte oder Verbindungsbeamte. Und mit der Person ist man dann eben im Austausch, man kommuniziert. Man hat aber ja auch noch die OrdnerInnen zum Beispiel, die einen dann unterstützen und irgendwie Fläche abdecken und eben schauen, was passiert. Und wenn dann irgendwie mal was passiert, was tatsächlich irgendwie relativ selten vorkommt, dann sagen einem die OrdnerInnen eben, was Sache ist. Man geht dann als Versammlungsleitung zur Polizei und sagt so, hey, da drüben macht jemand Stress gerade, könnt ihr euch da mal drum kümmern und, Das ist dann schon auch eher die Aufgabe der Polizei und nicht der Versammlungsleitung, da in diese Situation reinzugehen oder dafür zu sorgen, dass die Versammlungsteilnehmenden alle sich an die Regeln halten. Jeder Mensch ist erstmal für sich selbst verantwortlich. Man muss bloß die Spielregeln offenlegen quasi.
Speaker2:
[26:35] Und wie herausfordernd kann es sein, da mit seinem Namen zu stehen für diese Versammlung? Also jetzt, ich meine auch, wäre es irgendwie berechtigt, Bedenken zu haben, dass das irgendwas mit seinem, also mit dem Privatleben, dass das irgendwie interferieren könnte, wenn dann der Name sozusagen mit dieser Demo, mit dieser politischen Einstellung in Verbindung gebracht wird? Oder also ich meine, eigentlich ist es ja eh nicht so transparent, wer jetzt so eine Demo anmeldet, rein namentlich, oder?
Speaker1:
[27:06] Ich glaube, ich würde sagen, man meldet ja eigentlich auch nur eine Demo an, hinter der man auch wirklich steht. Und deswegen glaube ich, ist es grundsätzlich eher nicht so eine große Sorge, die uns so begegnet in der Demoanmeldung.
Speaker0:
[27:20] Also ich denke mir immer, sich in Berlin zu organisieren, ist eine Sache. Und das ist krass und das ist toll und man steht mit so vielen Leuten auf der Straße. Es ist eine ganz andere Sache, sich in einer kleinen Stadt in Sachsen auf die Straße zu stellen für feministische Themen. Man muss auch die Stadt kennen, in der man sich befindet und dann anhand dessen eben schauen, was könnte passieren. Da stößt man dann vielleicht auf Leute, die nicht diese Meinung vertreten. Und ich glaube, in Berlin haben wir dann auch sehr viel Glück mit dem politischen Klima.
Speaker1:
[27:51] Genau, also es lohnt sich einfach im Vorhinein auch sich generell immer Gedanken zu machen, was denn für Situationen auftreten könnten. Aber am Ende sollte man sich auch nicht dessen verrückt machen, weil letztendlich wird die Polizei auch gerade in Situationen, die tatsächlich dann eskalieren, einschreiten müssen. Also die sind einfach dazu verpflichtet, das ist deren Job, die müssen das tun. Letztendlich wird also immer jemand da sein, der das in Anführungszeichen auch betreut.
Speaker0:
[28:15] Ich würde es ganz genauso sehen wie du. Ich würde trotzdem auch sagen, ja, Menschen müssen sich das ins Bewusstsein rufen, bevor sie das machen.
Speaker1:
[28:24] Wir hatten bei der Colleen Demo tatsächlich einen Fall, der irgendwie super, super unschön war. Also bei der Demo hat eine andere Freundin von uns angemeldet. Die BILD hat es dann rausgefunden, weil die Person dann auch pressesprechende Person für uns war. und hat dann ein Porträt über sie geschrieben. Und das ist dann irgendwie ein Sonderfall. Das passiert normalerweise nicht. Und das ist dann auch einfach ein... Sehr blöder Move oder ein sehr schlimmer Move von der BILD in dem Fall gewesen, weil ich würde auch überhaupt nie wissen, was mit solchen Artikeln passiert und die wissen, welchen Ton sie da anschlagen und was sie eigentlich damit erreichen wollen. Und das war dann in dem Moment schon super einschüchternd. Aber das passiert im Regelfall eigentlich nicht.
Speaker2:
[29:07] Welche Sorgen hatte die Person dadurch, dass das in der BILD so ausgeschlachtet wurde?
Speaker1:
[29:11] Also dadurch, dass wir auch wissen, wer die BILD liest und was eigentlich die Zielsetzung von dem Artikel war, hatte sie natürlich auch Sorgen, dass dann Leute zur Demo kommen und sie erkennen oder auf dem Heimweg sie vielleicht erkennen und so weiter und so fort.
Speaker0:
[29:25] Und ja, es ist tatsächlich nichts wirklich dergleichen passiert. Also ich meine, die Sorge war da. Aber man muss auch dazu sagen, ich mache jetzt seit über sieben Jahren Aktivismus. Ich habe schon viele Demos angemeldet. Freundinnen von mir haben auch schon viele Demos angemeldet. Und das ist das erste Mal, dass mir das passiert ist, dass die versammlungsleitende Person da so reingezogen wurde. Es steht aber, zumindest soweit ich das bisher mitbekommen habe, nirgendwo öffentlich, wer jetzt diese Versammlung angemeldet hat. Da muss man eben dann vor allem eher schauen, was wird auf Social Media geteilt, was teilt man selber auf Social Media. Weil die Leute, die in der Öffentlichkeit mit ihrem Namen für eine Versammlung einstehen, die müssen sich natürlich darüber bewusst sein, dass sie das mit ihrem Namen und mit ihrem Gesicht machen. Das leitet vielleicht auch ganz gut über zu dem nächsten Punkt.
Speaker1:
[30:16] Ich glaube, das hatte auch überhaupt nichts mit der Rolle der VL, also Versammlungsleitung, zu tun, sondern viel mit der Rolle eben, dass man in der Öffentlichkeit über die Demo spricht als Pressesprechende. Und zuflügerweise war sie eben auch unsere Versammlungsleitung und hat eben berichtet, dass sie die Demo angemeldet hat. Aber ich glaube, so wie du eben sagst, es ist immer so, wenn man öffentlich sich zum Thema äußert, bietet man dadurch ja natürlich auch eine Angriffsläche. Und ich glaube, für mich ist es zumindest aber so, dass diese Angriffsläche oder gerade diese Angriffsläche bildet sich ja eigentlich nur, weil Personen das zu Angriffsläche machen und einen eben einschüchtern wollen und eigentlich das Ziel damit haben, dass man sich eben nicht mehr zu dem Thema äußert. Und ich glaube für mich ist es wirklich ein guter Grund, mich umso mehr und umso lauter zum Thema zu äußern, weil ich nicht einsehe, dass irgendwelche Rechten oder irgendwelche Männer eben ja, mir meine Stimme nehmen. Aber klar muss man sich der Risiken auch bewusst sein.
Speaker0:
[31:15] Ja, ich würde es ganz genau so sehen wie du. Ich würde trotzdem auch sagen, ja, Menschen müssen sich das ins Bewusstsein rufen, bevor sie das machen. Ich habe schon zum Teil mitbekommen, dass Menschen sich öffentlich geäußert haben und sich nicht darüber bewusst waren, was dann eben daraus geschlossen werden kann. Und das ist schon ... Ich glaube, so unschön das klingt, aber man muss das im Kopf haben. Es gibt nicht nur Menschen, die unsere politische Meinung teilen auf dieser Welt. Es gibt eben auch Menschen, die unsere politische Meinung nicht teilen.
Speaker1:
[31:50] Und es gibt auch Menschen, die uns deswegen vor allem nicht wohlgesinnt sind. Und das tatsächlich auch zu ihrem Narrativ machen wollen. Dazu vielleicht, man kann ja tatsächlich die Adressen von Personen abfragen im Bürgeramt, sobald man den vollen Namen und den Geburtstag und den Wohnort hat. Als Person selber kann man sich aber schützen und diese Adresse sperren lassen, wenn man einen triftigen Grund hat. Also das muss auch begründet werden. Also eine Begründung kann zum Beispiel sein, dass man Drohnachrichten aus der Chemie bekommen hat. Oder dass man wirklich Berechtigtssorge hat, dass wenn diese Auskunftssperre nicht vorgenommen wird, dass die eigene Sicherheit bedroht ist. Und dann meldet man sich eben beim entsprechenden Bürgeramt, stellt einen Antrag und hofft dann, dass das Bürgeramt deine Adresse dann auch am Ende sperrt. Es ist auf jeden Fall möglich.
Speaker0:
[32:35] Es ist möglich, es ist nicht leicht.
Speaker2:
[32:38] Ja, also vielleicht im ersten Schritt nochmal gucken, ob man bei Facebook sein Geburtsdatum damals veröffentlicht hat. Ja. Das gerne nochmal rückgängig machen. Ja, das ist vielleicht ja. Telegram ist auch sowas. Die fragen auch immer, wann man Geburtstag hat. Also das vielleicht nochmal überdenken. Okay, wir können ja nochmal ganz kurz einen Schritt zurück machen. Also gerade was diese ganze unsichtbare Arbeit angeht, Planung,
Speaker2:
[33:03] Ablauf, Technik, Sicherheit, das haben wir jetzt eigentlich soweit besprochen. Ihr habt auch schon ein bisschen das Vokabular gedroppt, was man dann so in der ganzen Orga hier und da benutzt. Wir hatten schon VOL für Versammlungsleitung. Sagt ihr Ordnies oder Ordies?
Speaker1:
[33:22] Ein Ordnies, also OrdnerInnen und dann ist es einfach eine krasse Verniedlichung, weil, ähm, Man kann es ja auch süß gestalten, wenn man möchte. Nein, das hat sich irgendwie voll in den Sprachgebrauch eingeschlossen. Also so, das ist jetzt einfach sehr drin. Also wir sprechen tatsächlich nur noch von Ordnys oder Hellfys oder ja.
Speaker0:
[33:42] Ja, es ist ein bisschen schlimm. Wir haben alle so dieses, es gibt quasi eine eigene Sprache. Deshalb, Entschuldigung, falls das irgendwie ein paar Mal so Begriffe rausgerutscht sind, die man nicht allgemein kennt. Genau, es gibt auch Öffi. Frag dann gerne einfach.
Speaker1:
[33:55] Ja, es gibt auch Öffi-Arbeit. Also so, es gibt alles.
Speaker2:
[33:59] Lautis?
Speaker1:
[33:59] Lautis haben wir auch, ja, Lautis, immer toll. Das ist eigentlich der Part, der dann irgendwie Stimmung auf einer Laufdemo auch einfach macht.
Speaker2:
[34:08] Also Lautis ist dann quasi der gesamte Wagen, auf dem Boxen drauf sind oder sind es nur die Boxen?
Speaker0:
[34:14] Nee, der Lauti ist der Wagen, der eben mitfährt in der Laufkundgebung. Ja, okay. Und das kann ein Auto sein. Wir machen es aber bei Frays for Future zum Beispiel super häufig mit Lastenrädern. Das heißt, wir bauen einfach eine Box in ein Lastenrad und dann fährt die Box und das Lastenrad mit in der Demo und dann hat man Musik und die Möglichkeit, während der Laufdemo noch Redebeiträge zu machen. Das ist tatsächlich ganz cool und relativ low effort.
Speaker1:
[34:37] Ja, und das halbt die Demo auch immer ab, weil sonst läuft man einfach nur durch die Straße und dann ist es so still und das ist dann irgendwie immer so ein bisschen, dann baut man sehr darauf, dass irgendjemand sehr laut rufen kann in der Demo und sich auch traut und ein paar Sprüche anstimmt. Aber mit dem Lauti hast du das Problem nicht, weil dann kannst du einfach Musik spielen oder durch den Lauti auch rufen, ist auch besser für die Stimme.
Speaker2:
[34:57] Ist es dann sonst so, dass sich das Orga-Team so in der Demo verteilt, in der Laufdemo und dann die Personen sind, die dann losschreien? Oder wer sind diese Leute, die dann tatsächlich anfangen mit den Sprüchen? Also ich bin's nicht, ich sag's ganz ehrlich.
Speaker1:
[35:12] Also ich würde sagen, das sind vor allem Leute, die halt schon häufig auf Demos sind und sich irgendwie gut damit fühlen und sich wohl damit fühlen. Also wir freuen uns natürlich auch immer, wenn Teilnehmende und TeilnehmerInnen vor allem laut rufen. Und das passiert auch relativ häufig zum Glück, weil sonst würde es gar nicht funktionieren, wenn das ganze Orga-Team mitläuft. Genau, aber wenn ihr auf Demos geht, immer gerne laut mitrufen und auch einfach gerne mal was anstimmen, weil meistens ruft auch immer jemand mit. Und wenn nicht, hat man es einfach probiert und dann ist man die coole Person, dann alle anderen checken es einfach nicht und das ist kein Problem.
Speaker0:
[35:46] Sehr gut.
Speaker2:
[35:47] Genau, also man kann sich als Ordney melden, man kann einfach mitlaufen und was anstimmen oder zumindest laut mitrufen.
Speaker1:
[35:54] Plakate mitbringen, Demoposter mitbringen, auch immer gut.
Speaker2:
[35:59] Ich hatte auch noch überlegt, so in Richtung Kinderbetreuung,
Speaker2:
[36:03] Awareness, wie seid ihr da normalerweise so aufgestellt?
Speaker1:
[36:06] Ich glaube, wir kommen mal zum nächsten Punkt tatsächlich. Also Schritt vier haben wir jetzt einfach mal zusammengeklappt zwischen oder zusammengefasst mit Reichweite schaffen. Und da zählt zum Beispiel auch für uns einmal Soshimia mit rein. Also es ist super wichtig, einfach die Demo bekannt zu machen und möglichst viel Reichweite zu schaffen. Wir haben auch ein bisschen so dieses Rule of Thumb. Die Demos, also eine Demo machen ist ganz cool, aber die halbe Miete ist mittlerweile auch ein bisschen die Social Media Arbeit, weil die Demo wird an einem Tag stattfinden und danach wird sie vorbei sein. Und das wird wahrscheinlich ein super Erlebnis sein. Aber wenn man gut Social Media Arbeit macht, teilt man danach immer noch oder in den Wochen danach hat man noch so viele Materialien, die man teilen kann. Und das ist auch eine Form, einfach den Protest darüber hinaus dann weiterzutragen. Und wir hatten es ja gerade schon ein bisschen darüber, Wie kann man als Person, die vielleicht nicht organisiert unterstützen, Social-Mia-Beiträge teilen, kommentieren, reposten, ist ein ganz großer Part dabei.
Speaker1:
[37:03] Ich glaube, gerade auch mit Bezug auf die Colleen-Demo, der Punkt, an dem wir wussten, das Ding wird groß, war, als die ganzen Medienhäuser davon berichtet haben und das auch auf Social Media geteilt hat. Und der Punkt, an dem wir wussten, es wird wirklich, wirklich groß, war, als Colleen selber den Aufruf aufgeteilt hat auf Social Media. Und ich glaube, gerade nochmal mit Blick auf, dass wir beide aus Kleinstädten kommen. In Kleinstädten gibt es ja ganz oft nochmal so Facebook-Gruppen, da das reinzuschicken. Lohnt sich auch immer sehr. Und ansonsten auch natürlich einfach Leute auf Social Media anschreiben, die vielleicht ein bisschen Reichweite haben und nachfragen, hey, habt ihr Lust, es zu teilen? Ist auch immer eine gute Idee.
Speaker2:
[37:41] Wie war da so das Schneeballsystem bei dem Colin Fernandes Fall? Also welche reichweitenstarke Person hattet ihr quasi zuerst im Kescher, die dann vielleicht auch die anderen mit ins Boot holen konnte?
Speaker1:
[37:54] Also bei uns war das ja tatsächlich so, also Theresia Krone ist eine Freundin von uns und sie ist ja leider selber auch von digitaler Gewalt und sexualisierter Gewalt betroffen und hat dann auch viel repostet, den Aufruf auch nochmal gepostet und dann, es leitet gerade eigentlich voll gut zum nächsten Schritt schon über, man braucht ja eigentlich auch immer ein Bühnenprogramm und man lädt dann einfach Personen ein, die auf dieser Demo sprechen würden und ihre Perspektiven teilen. Und da hatten wir dann zum Beispiel auch noch Luisa Neubauer hatten wir da angefragt und sie hat dann auch gesprochen und Luisa hat ja auch zum Beispiel eine große Reichweite. Dann Hate Aid hat auf der Demo gesprochen und dann Alia Oseman hat auch noch einen Beitrag geleistet. Und das sind alles Personen, auch Daniela Seferi, die dann eine große Reichweite haben und die dann Aufruf nochmal geteilt haben und was einfach eine Riesenhilfe war in dem Fall. Marie Nasemann hat auf der ersten Demo auch gesprochen. Wir hatten als Musik-Extra Sophie, Juma und Maribo und Ibo, die ja auch den Song, also quasi die Hymne geschrieben haben, also nicht alle Männer. Das war auch noch mein ganz krasser Abschluss irgendwie. Luisa Gaffron hat die Demo moderiert. Also wir hatten einfach das Glück, dass einfach sehr, sehr viele Leute direkt am Start waren, die Lust hatten, diese Demo zu teilen und zu bewerben und die selber einfach auch schon eine Plattform hatten.
Speaker2:
[39:16] Ich schreibe die dann einfach bei Instagram an oder Oder wo macht ihr das?
Speaker1:
[39:21] Genau, also so Theresia und Luisa kennen wir ja relativ gut. Da war der Weg sehr, sehr kurz. Ja. Und tatsächlich bei der Demo haben uns auch voll viele einfach angeschrieben und haben gesagt, hey, braucht ihr noch Hilfe? Ich kann voll gerne für euch. Also Juma hat mir zum Beispiel auch geschrieben. Also Juma hat auch auf voll vielen Demo schon von uns gespielt. War dann so, hey, ich habe gesehen, du organisierst das. Braucht ihr noch Musik? Ich wäre voll ready, zwei Songs zu spielen oder so. Genau, das passiert natürlich nicht bei jeder Demo, aber unser normales Vorgehen ist einfach, entweder über Instagram einfach anzufragen oder auch voll oft findet man eine Mailadresse, wenn man lang genug googelt. Genau, oder gerade bei Musik ist es so, dass die alle bei einem Management sind und dann schreiben wir dem Management und darüber geht es auch ganz gut. Aber tatsächlich, Instagram ist auch immer eine sehr gute Plattform, um anzufragen.
Speaker2:
[40:11] Honorare bekommen die ja da wahrscheinlich nicht. Es geht ja da um den guten Zweck. Das wird wahrscheinlich auch allen klar sein. Oder ist das was, was man dann noch dazu schreibt?
Speaker1:
[40:20] Also wir schreiben das in der Anfrage erstmal nicht rein und so weiter und so fort. Ich glaube, den meisten ist klar, dass das eine ehrenamtliche Sache ist. Also Demos bauen ja krass auf Ehrenamt. Also wir sind dann auch alle nur ehrenamtlich da. Und ich glaube, für uns ist dann auch immer wichtig, also wir wollen auch, dass unsere RednerInnen natürlich nicht mehr Kosten dadurch haben. Also gerade wenn wir Personen aus anderen Städten anfragen, die eine längere Anfahrt haben oder auch Übernachtungskosten, dort versuchen wir dann schon nochmal die Kosten zu decken, indem wir eben zum Beispiel bei verschiedenen Vereinen anfragen, ob sie sich vorstellen könnten, die Kosten für uns zu übernehmen oder so. Aber so eine Aufwandsentschädigung oder ein Honorar gibt es in der Regel nicht.
Speaker2:
[40:59] Aber was gibt es sonst noch so für Kostenpunkte? Also wenn wir jetzt beim Beispiel Colin Fernandes, Kundgebung bleiben, was hat da Geld gekostet?
Speaker1:
[41:08] Ich überlege gerade, ob da überhaupt irgendwas Geld gekostet hat.
Speaker0:
[41:13] Aber generell ist Technik ganz häufig einer der größten Kostenpunkte. Also bei den Demos, bei denen man nicht das Glück hat, die Technik von irgendwem kostenlos zu bekommen, da kostet Technik Geld und die kostet dann auch ganz schnell verhältnismäßig viel.
Speaker1:
[41:29] Ja, aber ich glaube gerade mit dem Gedanken dahingegen von wegen, was braucht man wirklich, um eine Demo zu organisieren. Im Zweifel fragt man wirklich einfach die lokalen Vereine an oder sowas und die haben noch eine Box irgendwo rumstehen und ein Mikrofon und dann kriegt man auch eine gewisse Fläche damit auf jeden Fall bescheuert. Natürlich wird es jetzt nicht irgendwie das professionellste Setup sein. Aber ich glaube, gerade für eine Demo an einem Ort, an dem man irgendwie so demokratisch aktiv wird, wo es aber nicht überprofessionalisiert ist, sondern alle Menschen stehen da, bei denen das Thema wichtig ist, muss man auch nicht immer alles perfekt parat haben. Und muss man auch nicht irgendwie ein professionelles Setup haben, wie bei einem Konzert oder so.
Speaker0:
[42:09] Also man muss eben immer sich bewusst machen, was so der eigene Anspruch ist. Ich habe auch schon Demos mit organisiert, da bestand die Bühne aus sechs Euro-Paletten, die wir von unserem lokalen Rewe ausgeliehen haben. Und wir hatten zwei Boxen aus dem Jugendzentrum ausgeliehen und das hat auch vollkommen ausgereicht.
Speaker1:
[42:30] Also die erste Demo, die ich organisiert habe und die Auftaktkundgebung war einfach, bin ich mit dem Megafon auf einer Bank. Also das kann ich auch nicht empfehlen, weil die Soundqualität war schrecklich, aber im Zweifel reicht auch das aus. Aber für die erste Colin Fernandes Demo, wenn ich das richtig auf dem Schirm habe, hatten wir auch keine Ausgaben, Weil alles so schnell ging, dass wir einfach nur das Nötigste mitgebracht haben. Also gerade auf einer Demo ist ja auch immer gut, wenn man ein bisschen Verpflegung da hat, ein bisschen Wasser und so. Und das haben Leute dann einfach auch mitgebracht. Aber in der Regel sind die Kostenpunkte tatsächlich Technik. In Berlin muss man manchmal auch noch Zäune aus Sicherheitsgründen dazu mieten. Das ist auch ein Kostenpunkt. Ansonsten Anfahrtskosten oder Übernachtungskosten.
Speaker2:
[43:13] Wahrscheinlich auch Transport, oder?
Speaker1:
[43:16] Transport. Das Zweifel, wie es da auch erstmal rankommen. Ja, voll. Transport ist auch noch ein großer Punkt, das stimmt. Und ansonsten Awareness-Materialien. Also wir haben in letzter Zeit auch immer wieder Masken mit auf der Demo, falls dann doch irgendwie Streamer da sind, die halt ungefragt filmen und wir wollen dann unsere Ordnung schützen,
Speaker1:
[43:34] dann haben wir die Masken auch parat.
Speaker2:
[43:36] Würdet ihr es denn empfehlen, ein bisschen unerkennbarer auf Demos zu gehen?
Speaker1:
[43:40] Also tatsächlich ist es so, dass Vermummungen ja auf Demos gar nicht so gern gesehen werden, aber wir haben immer eben diese medizinischen Masken oder FFP2-Masken da für unsere OrdnerInnen, gerade wenn rechte Streamer da sind, überlassen das jeder Person selbst, ob sie jetzt eine Maske haben will oder nicht, weil natürlich ist es kein schönes Erlebnis, im Teil eines rechten Streams zu sein. Es ist aber auch verboten, tatsächlich Porträtaufnahmen aufzunehmen. Also die dürfen das auch gar nicht. Das heißt, die dürfen eigentlich auch nur in die Menge filmen.
Speaker0:
[44:12] Also Pressfreiheit ist ein Ding. Und dementsprechend kann man leider die nicht von den Versammlungen komplett ausschließen. Das geht nicht. Und wenn es dann einfach ein paar Leute gibt, die sich irgendwie mit dem Rücken zum rechten Streamer stellen und vielleicht ein bisschen größer sind, sodass er dann eben nicht die ganze Menge bekommt.
Speaker1:
[44:32] Oder halt irgendwie so zulägerweise ein Plakat dabei haben, was relativ groß ist und sich da vorstellen oder sowas.
Speaker0:
[44:38] Ups, schade.
Speaker1:
[44:39] Oder eine Bluetooth-Box dabei haben, wir müssen GEMA-Musik hier beilaufen lassen. Das sind so alle Sachen, die man schon machen kann. Und gerade, also wir beide stehen ja auch für verschiedene Demos dann in der Öffentlichkeit. Und bei uns ist es dann so, dass es eigentlich egal ist, in Anführungszeichen, ob wir uns auf der Demo vermummen oder also eine Maske tragen oder nicht. Also vermummen ist da das falsche Wort. Das darf man nicht. Das darf man nicht, ja.
Speaker0:
[45:02] Ja, ich mache es auch tatsächlich einfach bewusst nicht, weil ich für mich eben entschieden habe, so ja, einerseits stehe ich schon in der Öffentlichkeit, aber andererseits möchte ich persönlich mich auch nicht verstecken. Ich stehe auf dieser Demo, weil ich für diese Sachen stehe und das kann gerne jeder wissen, das ist mir egal. Aber gerade für Leute, die neu auftreten und unsicher sind oder aus unterschiedlichen anderen Gründen, das ist ja auch immer eine Frage von Privilegien. Und wenn man vorhat, irgendwie eine Maske zu tragen auf Demos, dann sollte man vielleicht irgendwie noch mal kurz googeln, wie das aussieht mit Vermummungen auf Demos, weil es da tatsächlich Auflagen gibt. Und die sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich und auch unterschiedlich strikt. Und man möchte nicht versehentlich was machen, was nicht legal ist.
Speaker2:
[45:47] Ich weiß nicht, Lynn, dir lag, glaube ich, noch was auf der Zunge beziehungsweise in den Schritten waren wir erst bei Schritt 4. Wir waren bei Schritt 4,
Speaker1:
[45:54] Genau. Ich glaube, ich würde das einfach kurz noch mal so umreißen quasi. So ein kleiner Schritt, der gar nicht so klein ist, Presse, also gerade die öffentliche Meinung und die mediale Arbeit dazu sind auch noch ein großer Punkt, um eben einen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Und da lohnt es sich einfach auch immer direkt PressevertreterInnen einzuladen, JournalistInnen, Redaktionen anzuschreiben und zu sagen, hey, wir machen dazu eine Demo, kommt doch vorbei, wir haben Leute da, die ihr interviewen könnt und ja, vielleicht wollt ihr ja einfach mal darüber berichten. Und ich glaube, gerade bei der Colleen-Demo war das so, also da haben ja einfach alle davon geschrieben und die Meldungen waren ja wochenlang danach einfach geflutet von sexualisierter Gewalt, häuslicher Gewalt und solchen Themen. Ich sehe auch heute immer noch irgendwie verhältnismäßig mehr Post zum Thema Gewalt gegenüber Flinters als vorher, habe ich das Gefühl.
Speaker2:
[46:53] Voll.
Speaker1:
[46:54] Und ja, Schritt 5 ist hier uns ein bisschen dieser Aspekt, habt Spaß. Weil, also gerade wenn es so Meldungen sind, die so schlecht für die Psyche sind, die halt so hart einschlagen, wo die Ungerechtigkeiten, die in dieser Gesellschaft bestehen, nochmal so klar werden und so präsent werden. Da ist es nochmal wichtig, sich zusammenzufinden und eben einen Ort zu schaffen, an dem man eben dagegen ankommt, dass man eben nicht der Ohnmacht verfällt, sondern ins Handeln kommt. Und eine Demo ist ja ein super Ort dafür, aber auch die Demo-Organisation, der Prozess allein dahin ist einfach so wichtig. Und vor allem das Gefühl, das nicht alleine machen zu müssen und eben ein bisschen Spaß dabei zu haben. Also sei es irgendwie so am Abend vorher noch gemeinsam einen Bühnenbanner zu malen. Also es hängt im Hintergrund tatsächlich.
Speaker0:
[47:40] Das haben wir gemalt.
Speaker1:
[47:41] Es reicht. Das war so eine 2 Uhr-Morgens-Aktion. Da saßen wir zusammen, haben das Banner gemalt und haben irgendwie über Gott und die Welt geredet. Aber es war halt total gut einfach, weil wir wussten, hey, wir machen hier gerade etwas und nehmen einfach die Lage einfach oder die Ungerechtigkeit einfach nicht auf uns, sondern stellen uns eben hin und sind laut dagegen. Und ich glaube, es ist einfach auch wichtig, dass man einen Blick auf die anderen Personen in der Orga hat und schaut, dass es allen gut geht und dass man eben doch nochmal die Gespräche, von denen du auch berichtet hast, die du mit deinen Freundinnen hast, die führen wir natürlich auch untereinander, weil dieses Thema uns so hart, also so krass beschäftigt und so krass begleitet, dass wir eben nicht länger still dazu sein wollen.
Speaker0:
[48:24] Ja, wir sagen das uns gegenseitig und auch uns selber immer und immer wieder. Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon. Und es ist wichtig, dass wir weiter aufstehen und dass wir dranbleiben. Deswegen ist es umso wichtiger, auf sich selber und auch auf andere aufzupassen, füreinander da zu sein, sich auch mal in den Arm zu nehmen und auch sagen zu können, hey, ich kann gerade nicht mehr, ich brauche gerade eine Pause. Und dann gibt es vielleicht eine andere Person, die gerade eine Aufgabe übernehmen kann. Setzt eure Grenzen, achtet auf die Grenzen anderer und habt Spaß bei dem, was ihr tut, weil das ist nicht euer Job. Ihr kriegt kein Geld dafür. Es ist unfassbar anstrengend zum Teil, aber es ist auch was, was einem unfassbar viel Kraft geben kann. Und ich hoffe, dass jetzt vielleicht ein paar mehr Menschen Demos anmelden und auf die Straße gehen und laut sind.
Speaker1:
[49:15] Ich würde sagen, das ist auch irgendwie so das Beste, was man tatsächlich dagegen machen kann, wenn man irgendwie das Gefühl hat, hey, es ist gerade alles, alles schrecklich. Also wirklich sich ein paar Freundinnen schnappen, eine Demo anmelden.
Speaker0:
[49:26] Und ansonsten aber eben auch, was ich vorher noch sagen wollte, unsere Power und unsere Kraft kommt ja auch daraus, dass wir nicht alleine sind auf Demos. Wir sind viele. Und auch wenn dann drei rechte Streamer oder fünf Faschos am Straßenrand stehen, dann sind wir in den allermeisten Situationen zum Glück trotzdem noch mehr. Und ich glaube, diese Gemeinschaft, dieses, man steht auf einer Demo und man schaut sich um. Und das sind die Verbündeten in diesem Kampf und in diesem Thema. Und ich glaube, klar, man muss über diese ganzen Themen reden, über rechte Streamer, über Nazis am Straßenrand, über die politische Situation, die gerade jetzt irgendwie doch auch immer bedrohlicher erscheint, wenn man sich organisiert. Aber ich finde nicht, dass das was ist, was uns entmutigen sollte, auf die Straße zu gehen. Man muss es im Kopf haben, aber es sollte einen nicht lähmen, weil das ist genau das, was sie wollen. Und wir sind immer noch mehr, wir sind immer noch viele und wir sind stark gemeinsam und wir können gemeinsam was erreichen.
Speaker1:
[50:33] Ja, und wenn wir uns nicht auf die Straße stellen, dann ändert sich auch nichts an den Umstand.
Speaker0:
[50:37] Ich werde richtig emotional gerade.
Speaker2:
[50:39] Sorry.
Speaker1:
[50:42] Ach ja.
Speaker2:
[50:43] Boah, schön. Ja, ich hoffe, ihr habt auch immer wieder die Gelegenheit, euch zu feiern, euch feiern zu lassen. Ich feiere euch auf jeden Fall mega. Also ich finde es so krass, irgendwie, was ihr macht. Und gleichzeitig, genau, hilft es jetzt total, sich da jetzt auch langsam reinzufühlen, dass man selber das tatsächlich, also auch diese Person sein könnte. Richtig schön.
Speaker0:
[51:05] Ja, schön.
Speaker2:
[51:11] Danke an Lynn und Sky von Feminist Fight Club und vor allem den MitstreiterInnen von Nur Ja Heißt Ja. Ihr habt mich und viele andere in den Tagen nach dieser Recherche rund um Colin Fernandes echt auffangen können. Und wenn du Bock bekommen hast, es den beiden gleich zu tun, denk nochmal dran. Erstens, know your power. Du bist irgendjemand und demonstrieren ist ein Grundrecht. Jede Person kann eine Versammlung anmelden. Zweitens, du musst die Welt nicht alleine retten. Hol dir ein Team. Such dir Menschen, die deine Wut teilen und Lust haben, mit anzupacken.
Speaker2:
[51:47] Drittens, Fundament legen. Jetzt geht's um die Basics. Was ist das Thema und der Titel der Demo? Datum, Uhrzeit und Ort? Gibt's eine Route? Wo kannst du Technik herbekommen? Wer könnte die Versammlungsleitung übernehmen? Wer sind OrdnerInnen? Und dann natürlich Demo anmelden. 4. Reichweite schaffen, damit Menschen von der Demo erfahren, Social Media nutzen, die Presse einladen, NGOs und Initiativen ansprechen, Menschen mit Reichweite um Unterstützung bitten und zu guter Letzt RednerInnen- und Bühnenprogramme organisieren. Und der letzte Schritt, fünftens, hab Spaß. So ernst der Anlass auch ist, letztendlich geht es darum, dass wir auch Kraft aus dieser Demo-Organisation ziehen, gemeinsam Banner malen, sich gegenseitig unterstützen und merken, dass man nicht alleine ist. Aktivismus ist, Sky hat es schön gesagt, ein Marathon und kein Sprint. Deshalb ist es wichtig, aufeinander zu achten, Grenzen zu respektieren und eben auch Freude an dem zu haben, was man gemeinsam auf die Beine stellt. In diesem Sinne, ich freue mich auf das, was du draus machst. Wenn dir diese Folge gefallen hat, empfiehle den Podcast weiter oder unterstütze ihn finanziell. Ansonsten verbleibe ich an diesem Punkt wie immer mit feministisch vorsätzlichen Grüßen.
Speaker0:
[53:04] Tschüss!