Folge 58: Feministische Romane für freie Sommertage
Buchtipps von Maria-Christina Piwowarski, Diviam Hoffmann, Mariela Georg, Linh vom Feminist Fight Club und aus der Community!
Ich will wieder mehr lesen - Geschichten, die mich reinziehen! Und die mich vor allem von meinem Handy wegziehen.
Für diese Folge habe ich deshalb euch - und ein paar ehemalige Podcastgäst*innen - nach feministischen Romantipps für freie Sommertage gefragt. Also keiiiine Sachbücher, wirklich Geschichten, die einen in Beschlag nehmen - und zwar ohne dass wir unsere feministisch-intersektionalen Werte beiseite legen müssen. Die absolute Entspannung für Körper und Geist, so stelle ich mir das zumindest vor!
Und wie immer habt ihr natürlich abgeliefert…
In dieser Folge hören wir eure Sprachis und lesen uns sogar ein Stück durch New York, London, Mexiko, Georgien, die Türkei und alternative Gesellschaftsentwürfe. Die freien Tage können kommen!
Diese Folge wird präsentiert von dem „Lesen ist Liebe“ Abo vom Kjona Verlag. Mehr dazu unter https://kjona.eco/mit-vorsatz
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Shownotes:
Gebrauchte Bücher gibt es auf https://www.justbooks.de
Ebooks und Hörbücher gibt es mit jedem öffentlichen Bib-Ausweis auf https://libbyapp.com
Elizabeth Gilbert: City of Girls (Fischer Verlag) [auf buch7]
Maria-Christina Piwowarski: Der Literaturnewsletter
blauschwarzberlin Literaturpodcast
Rebecca Martin: Sommer und so (aki Verlag) [auf buch7]
Dahlia de la Cerda: Reservoir Bitches (Scribe [eng] [auf buch7] | CulurBooks Verlag [deu] [auf buch7])
Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (Ullstein verlag) [auf buch7]
Hörbuch von „Das achte Leben (für Brilka)“, gelesen von Julia Nachtmann
Fatma Aydemir: Dschinns (Hanser) [auf buch7]
Yasmin Polat: Im Prinzip ist alles okay (GOYA Verlag) [auf buch7]
Meine Rezension von „Im Prinzip alles okay“ auf Instagram
Melanie Raabe: Der längste Schlaf (btb Verlag) [auf buch7]
Gerd Brantenberg: Die Töchter Egalias (Manifest Verlag) [auf buch7]
Theaterstück Planet Egalia am HAU von Christiane Rösinger
1000Dank an alle Sprachnachrichtler*innen!
Musik von slip.stream
Coverdesign: Svenja Limke
Titelmusik: Louis Schwadron
Transkript
Die Folge als Text!
Bitte beachte: Das Transkript wurde automatisch mit Auphonic erstellt und ist nicht perfekt.
[0:00] Werbung! Diese Folge wird dir präsentiert vom Kiona Verlag. Früher habe ich mich gefreut, wenn ich in meinem Wintermantel Kleingeld vom letzten Jahr gefunden habe. Mittlerweile mache ich das mit Absicht. Hier und da mal eine Münze in die Tesch. Mein zukünftiges Ich würde es mir danken. Ähnlich freudige Gefühle möchte das feministische Bücherabo vom Kiona Verlag auslösen. Dabei bekommst du alle acht Bücher, die im Jahr bei Kiona erscheinen, als Geschenk verpackt und mit einem persönlichen Brief nach Hause geschickt. So mitten im Alltag Buchgeschenke an sich selbst. Ist doch ganz nice, oder?
[0:35] Alle Bücher sind signiert und handeln von gesellschaftlicher Veränderung. Im Hardcover natürlich und mit veganen Farben gedruckt. Wenn du das Abo jetzt abschließt, bekommst du alle schon erschienenen Bücher als Paket. Darunter zum Beispiel Molly Keens Roman Das Gute Benehmen. Da hat Tara Luise Witwer das Vorwort geschrieben. Und später kriegst du dann auch das neue Buch von Susi Miller. Vielleicht kennst du sie von ihrem Buch Prima Fazia oder das neue Buch von Verena König, die für ihre Arbeit zu Trauma und Beziehungen bekannt ist. Die ganzen Neuerscheinungen bekommst du drei Tage, bevor sie es überhaupt in den Handel geschafft haben. So kommt eine kuratierte Auswahl feministischer Bücher zu dir. Oder du verschenkst das Ganze, vielleicht ja auch mit FreundInnen zusammen. Denn Kostenpunkt sind 184 Euro, was aber genauso viel ist, wie wenn du die acht Bücher einzeln kaufen würdest. Das Abo endet automatisch und alle AutorInnen werden gleichberechtigt beteiligt, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und vor allem unabhängig vom Bekanntheitsgrad. Über den Link in den Shownotes kannst du dir alles nochmal anschauen und das Abo abschließen. Viel Spaß bei diesen kleinen Überraschungen im Alltag und natürlich beim Lesen.
[1:46] Werbung Ende.
Speaker0:
[2:09] Das ist Feminismus mit Vorsatz, der Podcast rund um feministische Perspektiven mit mir, Laura. Leute, ich will wieder mehr lesen und dafür brauche ich heiße Tipps, die mich reinziehen, die mich vor allem von meinem Handy wegziehen. Für diese Folge habe ich euch und ein paar Podcast-Gästinnen deshalb nach feministischen Romantipps für freie Sommertage gefragt. Also keine Sachbücher, sondern wirklich Geschichten, die einen in Beschlag nehmen und zwar ohne, dass wir unsere feministisch-intersektionalen Werte beiseite legen müssen. Also die absolute Entspannung für Körper und Geist, so stelle ich mir das zumindest vor und wie immer habt ihr natürlich abgeliefert. Wir hören in dieser Folge also immer erst in die Sprachnachrichten rein mit der Buchempfehlung und dann lese ich auch jedes Mal ein Stückchen, damit wir so ein bisschen den Vibe abchecken können und ob es irgendwie kompliziert geschrieben ist oder so. Wir springen direkt rein. Los geht's.
Speaker0:
[3:05] Also das Buch, was ich super gerne gelesen habe und auf jeden Fall noch mal lesen werde, ist das Buch City of Girls von Elizabeth Gilbert. Die hat auch diesen krassen Bestseller Eat, Pray, Love geschrieben. Und die Geschichte, die spielt in den 1940er Jahren, bisschen vorher noch, in New York City. Und es geht um eine Mädel oder junge Frau vielleicht eher, die fliegt vom College und ist irgendwie eine gewisse Außenseiterin, ist unangepasst und die wird dann von ihren Eltern zu ihrer Tante nach New York City geschickt, und diese Tante, die betreibt dort ein Theater, so ein altes runtergekommenes Theater mit ihrer Partnerin, und in diese Welt wird dann eben Vivian, so heißt die Protagonistin, geworfen und blüht da total auf. Und sie kann sehr, sehr gut schneidern. Das macht sie dann in dem Theater.
Speaker0:
[4:02] Also ich habe das Buch auf Libby gefunden, was mich sehr gefreut hat. Allerdings habe ich es bisher nicht geschafft, da die E-Books auch mal auf dem Tolino oder sowas lesen zu können, sondern habe es jetzt hier auf dem Handy. Das kann so auf gar keinen Fall bleiben, aber es ist natürlich nett, um mal reinzulesen. Und damit du jetzt so ein bisschen ein Gefühl dafür bekommst, wie das geschrieben ist, schaue ich jetzt mal rein. Es geht erst mal los mit dem Zitat, du wirst immer wieder Dummheiten begehen, aber begeh sie mit Begeisterung, von Colette. Das finde ich schon mal gut. Und am Anfang befinden wir uns direkt in New York City im April 2010.
Speaker0:
[4:38] Neulich habe ich einen Brief von seiner Tochter bekommen, Angela. Ich habe in all den Jahren oft an sie gedacht, aber mit diesem Brief hatten wir erst zum dritten Mal miteinander zu tun. Beim ersten Mal 1971 hatte ich ihr Hochzeitskleid genäht. Beim zweiten Mal hatte sie mir geschrieben, dass ihr Vater gestorben sei. Das war 1977. Nun schrieb sie mir, um mich darüber zu informieren, dass ihre Mutter nicht mehr lebte. Ich bin mir nicht sicher, welche Reaktion sie von mir erwartete. Sie dürfte sich gedacht haben, dass die Neuigkeiten mich aus dem Tritt bringen würden. Wobei ich ihr keine Böswilligkeit unterstelle. So tickt Angela nicht. Sie ist ein guter Mensch. Wichtiger noch, ein interessanter Mensch. Es überraschte mich allerdings, dass Angelas Mutter so lange durchgehalten hatte. Ich dachte, sie wäre schon vor einer Ewigkeit gestorben. Das waren ja weiß Gott die meisten. Aber warum sollte mich jemandes Langlebigkeit überraschen, da ich mich doch selbst ans Dasein klammerte wie eine Seepocke an einen Schiffsrumpf? Ich konnte nicht die einzige steinalte Dame sein, die durch New York City wackelte und finster entschlossen war, weder von ihrem Leben noch von ihrer Immobilie zu lassen. Doch es war die letzte Zeile von Angelas Brief, die mich am stärksten erschütterte. Vivian, schrieb Angela, nun, da meine Mutter nicht mehr ist, frage ich mich, ob sie sich imstande sehen, mir zu erzählen, was sie für meinen Vater waren. Tja, was war ich denn für ihren Vater?
Speaker0:
[6:00] Nur er hätte diese Frage beantworten können. Und da er sich entschieden hatte, nie mit seiner Tochter über mich zu sprechen, steht es mir nicht zu, Angela zu erzählen, was ich für ihn war. Ich kann ihr allerdings erzählen, was er für mich war. Okay, also wir landen leider erstmal bei einem Mann.
Speaker0:
[6:19] Aber dann geht quasi der Rückblick los mit dem ersten Kapitel im Sommer 1940, als ich 19 Jahre alt und ein Dummkopf war. Also so geht es dann los. Ach so, und das ist wirklich insgesamt dann ein Antwortbrief, in dem ihre ganze Geschichte erzählt wird. Okay, ja, das finde ich ganz cool. Man verfolgt eben Vivien letztlich von ihren 20er Jahren bis kurz vor ihrem Tod, also wirklich sehr, sehr lang. Diese Zeit in den 20ern, da ist auf jeden Fall der Schwerpunkt und so die erste Hälfte des Romans geht vor allen Dingen um diese Zeit und was dann da passiert. Und dann um den Kriegsausbruch, also den Weltkrieg und dann danach und dann wird sozusagen immer in immer größeren Abständen von ihrem Leben erzählt. Ich fand einfach das Buch so grandios, weil diese Welt, in die man da selber geworfen wird, ist einfach sowas von großartig und einfach wunderschön. Also dieses Theater und die Menschen dort und das Leben und so weiter, das habe ich einfach total geliebt. Und immer noch aktuelle Themen werden aus der Linse dieser Zeit beleuchtet, zum Beispiel Homosexualität, Abtreibung, Sex vor der Ehe, beziehungsweise überhaupt nicht heiraten wollen. Da sind sehr progressive Biografien mit eingebastelt. Das fand ich sehr, sehr toll. Eine sehr, sehr schöne Mischung zwischen Leichtigkeit, aber auch der Abhandlung von gesellschaftlichen Themen.
Speaker0:
[7:45] Insgesamt hat die Printerausgabe fast 500 Seiten. Da gönnt man sich auf jeden Fall was. Ich habe richtig Bock, das zu lesen, auch wenn es dann wahrscheinlich das einzige Buch sein wird, was ich schaffe. Mal sehen. Aber mit Kindern im Urlaub ist immer nicht so einfach. Genau, dann hatte ich noch die Ehre, tatsächlich eine Sprachnachricht von Maria-Christina Pivowarski zu bekommen. Maria war ganz lange Buchhändlerin im Ocelot hier in Berlin, ein Buchladen, wo ich früher ganz, ganz oft war, weil ich da in der Nähe gearbeitet habe. Mittlerweile ist sie freier unterwegs und hat einen ganz tollen Newsletter. Den ich immer freudig, erwartend durcharbeite, was sie so für neue Buchempfehlungen hat. Und sie macht auch einen Podcast, der heißt Blau-Schwarz-Berlin, der Literatur-Podcast. Und ich muss sagen, dass ihre Empfehlung wirklich sehr, sehr exakt auf meine Vorstellung von, okay, was lese ich in freien Sommertagen zutrifft.
Speaker0:
[8:44] Mein Buchtipp ist natürlich Sommer und so von Rebecca Martin aus dem Archi Verlag. Wir begleiten darin die Erzählerin durch einen Sommer in London, in Paris, in Kopenhagen und ein bisschen auch zurück in Berlin. In London versucht sie als Drehbuchschreiberin erfolgreich zu werden, lebt in einer WG, feiert grandiose Partys, hat wunderbare Freundschaften, ist aber auch chronisch pleite und arbeitet nebenher als Nanny für eine sehr reiche Familie.
Speaker0:
[9:09] Und vielleicht auch, weil sie sich von einer ziemlich toxischen Beziehung erholen muss, stürzt sie sich in einer Fähre mit einem älteren, sehr wohlhabenden Mann, lebt mit ihnen das gute Leben in vollen Zügen und reflektiert das aber auch immer wieder absolut erfrischend. In diesem Roman geht es ganz viel um Machtgefälle und darum, wie eine Frau Ende 20 verzweifelt ankommen will in einem Leben, das sich vielleicht endlich richtig für sich anfühlt. Und wer denkt, es geht hier nur um Liebe, dem kann ich sagen, dass die emotionalen Schlüsselszenen für mich vor allem in den beschriebenen Freundschaftsbeziehungen stecken. Und ich glaube, meine liebste Szene ist vielleicht die, bei der sie so eine Freundin von der Arbeit, ich glaube sogar aus einem Buchladen abholt und sie im Ladies Pond irgendwo im Norden Londons schwimmen gehen. Das muss ein ganz magischer Ort sein, wo ich jetzt auch unbedingt mal hin will. Also ohnehin perlt der Roman nur so sommerlich, ist zwar auch voller Zweifel und Hadern, aber der vermittelt einen so großen Hunger aufs Leben, wie ihn vielleicht nur der Sommer stellen kann. Ah ja, also auch das habe ich als E-Book vor mir. Schon vorm Cover sieht es auf jeden Fall sehr sommerlich aus mit Sonnenbrille und Espresso und aber glaube ich auch ein paar Tabletten vielleicht. Kippe und Feuerzeug in so einem schön hellblau gehalten. Sommer und so klingt ja auch erstmal schön leisure, würde ich sagen. Und es geht los mit Kapitel 1.
Speaker0:
[10:34] Der März war der sechste Monat in Folge, in dem ich so gut wie jeden Tag betrunken war. Dafür gab es einen einfachen Grund. Wenn ich sehr viel sehr schnell trank und mich mit vielen Leuten umgab, die alle mehr oder weniger gleich schnell und viel tranken, musste ich ein paar glückselige Stunden nicht daran denken, wie sehr ich gedemütigt worden war und wie lange es wohl noch dauern würde, bis ich mich selbst nicht mehr verachtete. An einem dieser Tage feierte mein Mitbewohner Tommy die Premiere seines neuen Stücks in einem kleinen Off-Theater in der Nähe der Station Elephant and Castle. Draußen war es ungewöhnlich kalt für London und von innen beschlugen die Scheiben.
Speaker0:
[11:11] In der überfüllten Bar des Theaters trank ich meinen zweiten Gin Tonic. Wir gingen mit einer Gruppe von Leuten, darunter meine Freundinnen Melody und Anne, mit denen ich an der Filmhochschule studiert hatte, meine andere Mitbewohnerin Jess, ihre Freundin Sarah und lauter Leute, die Tommy von früher kannte, er war deutlich älter als wir, in ein Pub um die Ecke und tranken dort weiter, bis alle wild durcheinander schrien, das Bier über die Tische floss und niemand mehr darauf achtete, wo seine Tasche lag oder wann man am nächsten Tag aufstehen müsste. Ich fand mich plötzlich an der Bar wieder und, mich jung und schön und haltlos fühlend, sprach den Mann an, der direkt neben mir stand. Hi, sagte ich. Hi, sagte er und schon in diesem Hi konnte ich erkennen, dass er einen Akzent hatte. Er war groß und breit und attraktiv auf die Art, wie man sie aus der Werbung von Outdoor-Läden kennt. Ein ebenmäßiges Gesicht, drei Tagebart, sanfte graublaue Augen und dunkelbraunes Haar, zwei Grübchen an den Wangen, ein Pullover in einer nichtssagenden Farbe und Schuhe, die über 40-Jährige gerne trugen, wenn sie praktisch veranlagt waren. Ich wusste eigentlich schon in diesem Moment, dass es mir gefallen würde, wenn er mir in den Mund spuckte. Hm, okay.
Speaker0:
[12:22] Ich glaube, das reicht als Einblick. Macht auf jeden Fall Bock, muss ich sagen. Und ich kann mir vorstellen, dass es ein gutes Buch ist, um wieder ins Lesen einzusteigen, weil es nicht so lang ist. 272 Seiten steht hier für die gebundene Ausgabe. Und es ist ja auch recht easy geschrieben, wie wir jetzt gehört haben. Also das kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Die nächste Sprachnachrichtlerin hat einen Kurzgeschichtenband empfohlen, was ja in so eine ähnliche Kerbe schlägt, weil Kurzgeschichten, das kriegt man ja irgendwie noch so hin, oder? Also damit versucht zumindest ich, mich immer mal auszutricksen damit und so eine Graphic Novel oder so, wenn ich denke, eigentlich keinen Bock auf Lesen, aber das geht dann eben doch mal kurz.
Speaker0:
[13:05] Das Buch ist von Dahlia de la Cierda, Reservoir Bitches. Die Dahlia ist eine mexikanische Autorin und es geht auch um Mexiko, mexikanische Frauen. Das sind Kurzgeschichten über Frauen in Mexiko, die alle auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind. man dann immer so mit, dass es da so Querverbindungen gibt. Und ja, im Grunde gibt es, glaube ich, einen sehr guten Einblick da rein, wie es Frauen in Mexiko geht. Es geht sehr viel um Gewalt gegen Frauen, durch Männer ausgeübte Gewalt an Frauen, Unterdrückung von Frauen. Das heißt, ja, Personen, die damit irgendwie selber Vorfahren gemacht haben oder gerade einfach nicht so in der Stimmung sind, sich das reinzuziehen, sollten es nicht lesen. Aber es ist natürlich sehr unterhaltsam geschrieben, also ich fand es sprachlich toll und ich fand, dass alle Frauencharaktere ganz wie so Würde dargestellt wurden und obwohl denen allen scheiße passiert, hatte ich nie so ein mitleidiges Gefühl, sondern so ist halt wie, die sind irgendwie krass und denen passiert so schlimme Sachen, aber sehr diverse und beeindruckende Frauen.
Speaker0:
[14:15] Ja, ich habe das Buch im Scribe Verlag auf Englisch zum Geburtstag geschenkt bekommen. Tatsächlich erst mal das Exemplar, was die Schenkende selbst gelesen hat. Und da habe ich entdeckt, dass sie so eine Routine hat, da immer reinzuschreiben, wann sie es gelesen hat. Sie steht Juli 2025 in Berlin, empfohlen von Coosio und sogar aus welcher Buchhandlung? Lese Glück Buchhandlung. Irgendwie süß, sich das so zu notieren. Es ist ein recht schmales Buch, also auf Englisch habe ich hier 184 Seiten, Neon Pink.
Speaker0:
[14:50] Und auf dem Bild ist eine Frau zu sehen, wahrscheinlich Mutter, des Kindes, was schreiend daneben liegt und es sieht so ein bisschen nach wie so eine Limousinenhinterbank aus oder von einem Taxi so eine lederbezogene Rückbank und sie hat so eine Milchflasche in der Hand. Ich weiß nicht, ob sie gerade versucht, die zu öffnen oder so. Also es sieht irgendwie nach einem schwungvollen Moment aus. Halt am Hasseln, wie die Muttis halt so sind, würde ich jetzt mal interpretieren. Englisch ist jetzt normalerweise nicht meine Lieblingssprache, auf der ich lese. Ich lese schon einfach am liebsten auf Deutsch. Zumal im Original wird das ja ja auf Spanisch sein, finde ich dann irgendwie nochmal stranger, das dann auf Englisch zu lesen. Aber gut, auf Spanisch wäre für mich auch zu krass. Habe ich zwar mal gelernt, aber wahrscheinlich auch nicht auf dem Niveau. Das sieht mir hier nach relativ einfachem Englisch aus, also das könnte schon was sein und für wen Englisch jetzt blöd ist, fasse ich es auch gleich nochmal zusammen. Ich fange einfach mal an reinzulesen in die erste Geschichte. Parsley and Coca-Cola. Ah, Coca-Cola ist ja eh schon mal sehr wichtig für Mexiko, das ist ja gefühlt günstiger als Wasser dort.
Speaker0:
[15:58] I sat on the toilet, peed on the pregnancy test and waited the longest minute of my life. Positive. I had a panic attack and then felt almost happy. I rubbed my belly tenderly. Those scenes of girls in bathrooms waiting to find out if they are pregnant had always seemed pretty lame to me. This is pathetic, I thought. To be honest though, I'm used to being pathetic, which may be why I identify with characters, Ah, und jetzt kam mir gerade noch das E-Book der deutschen Version von Reservoir Bitches reingeflattert im Culture Books Verlag. Also bisher ist eigentlich nur passiert, dass eine Frau erfahren hat, dass sie schwanger ist und ich nehme an, dass sie ungewollt schwanger ist. Und jetzt muss sie halt irgendwie mit dieser Wahrheit klarkommen und so würde jetzt die Geschichte auf Deutsch weitergehen.
Speaker0:
[16:55] Ich stand auf, wusch mir das Gesicht, ging aus dem Bad, ließ mich aufs Bett fallen. Etwas in mir weigert sich, schlechte Neuigkeiten zu verarbeiten. Manch einer könnte behaupten, ich würde sie verdrängen, aber nein, es fällt mir einfach nur schwer zu glauben, dass alles Schlechte immer nur mir passiert. Mein Freund hat mich betrogen, ich wurde auf der Straße überfallen, meine Haustüre wurden vergiftet oder überfahren, meinen Vater kenne ich nicht und vor ein paar Jahren habe ich meine Mutter verloren. Und auf einmal lag in der rechten Schublade meines Nachttischs ein Schwangerschaftstest mit zwei rosafarbenen Streifen. Zur Bestätigung machte ich einen weiteren Test, einen Bluttest, positiv. Da wusste ich noch nicht, dass diese Tests aus der Apotheke bei negativen Ergebnis daneben liegen können, niemals aber bei einem positiven. Ich fühlte mich nicht bereit dafür, ein Kind in diese beschissene Welt zu setzen. Ah krass, ich habe auch damals zwei Schwangerschaftstests gemacht. Ich dachte, ich wusste nicht, dass man dem Positiven dann durchaus einfach glauben kann. Okay, wieder was gelernt. Also ich merke gerade schon, dass sich der deutsche Text so ein bisschen stelziger anfühlt. Also ich kann mir irgendwie vorstellen, dass über das Englisch nochmal mehr so diese Fuck-you-all-Attitüde auch rüberkommen kann, die das vielleicht ausstrahlen will. Es ist schon echt ein anderer Style.
Speaker0:
[18:10] Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich es auf Englisch erstmal lese. Aber ich finde, das gibt echt schon einen ganz guten Eindruck. Einfach so sehr vom Herz geschrieben, sehr ehrlich, sehr tough, reality shit, sehr ungefiltert. Das finde ich auf jeden Fall anziehend. Und das dann einfach 13 Kurzgeschichten scheint es zu sein. Ja und der nächste Roman, das ist das Geräusch, was ich dir erstmal mitgeben will.
Speaker0:
[18:35] Dieses hier, das ist einfach so ein richtiger Brocken. Ja, da brauchen wir ein bisschen Zeit. Aber wir hören erst mal die Sprachnachricht dazu. Ich empfehle einen Roman,
Speaker0:
[18:47] bei dem ich die letzte halbe Stunde durchgeheult habe. Und zwar ist es von der georgisch-deutschen Schriftstellerin Nino Harateshvili, Das achte Leben für Brillka. Und ich habe es als Hörbuch gehört. Das waren knackige, ich glaube, 43 oder 44 Stunden. Dementsprechend dick ist das Buch.
Speaker0:
[19:10] Und dementsprechend gehaltvoll ist der Roman auch. Also es geht um Frauenschicksale, vor allem Frauenschicksale, während des 20. Und dann eben am Ende auch des 21. Jahrhunderts, vor allem in Georgien, aber eben auch in anderen Ländern. Und ich fand eigentlich vor allem zwei Sachen daran cool. Nämlich einmal wahnsinnig kraftvolle Figuren. Nicht alle Figuren sind sympathisch, nicht alle sind irgendwie total nachvollziehbar oder sowas, aber alle sind so auf ihre Weise schwach und stark und facettenreich und miteinander und teilweise auch gegeneinander. Es ist eine wahnsinnige Vielfalt an Figuren und auch familiären und politischen Verflechtungen. Und das ist vielleicht der zweite Punkt, den ich spannend fand. Ich mag Romane, bei denen ich immer wieder nebenher dann anfange, in die Suchmaschine einzugeben. So, oh, was ist da eigentlich dann und dann passiert?
Speaker0:
[20:09] Und das ist nie so auf dem Silbertablett, dass es jetzt irgendwie so ein Geschichtslehrbuch ist oder sowas. Aber ich finde es total spannend, mehr über die Geschichte Georgienz auch damit zu erfahren beziehungsweise es ist auch eine Geschichte der ganzen Region und es ist auch eigentlich eine Geschichte Europas. Und ich würde nicht sagen, dass es sich um einen explizit feministischen Anspruch der Autorin oder sowas handelt. Das kann ich gar nicht so sagen, aber ich glaube, in dieser Kraft und in dieser Liebe und in dieser Vielfältigkeit der Charaktere steckt ganz viel drin. Deswegen mochte ich den einfach wirklich sehr. Und es hat eben dazu geführt, dass ich am Ende, puh, dass ich nicht mehr konnte mit dem Schluss.
Speaker0:
[21:00] Übrigens im Ullstein Verlag erschienen. Auch ich habe das damals als Hörbuch gehört. Da hatte ich noch kein Kind und ich weiß, dass ich auch super gefesselt war, vor allem, weil dieses Hörbuch von Julia Nachtmann gesprochen wird. Und die macht das einfach so schön. Ich liebe die Stimme von Julia Nachtmann. Ich habe danach Hörbücher nur wegen ihr gehört, also jetzt gar nicht, weil ich so interessiert an dem Buch war, sondern einfach, weil ich ihre Stimme wieder hören wollte. Deswegen sehr, sehr große Empfehlung für Hörbücher generell von Julia Nachtmann. Und ja, dadurch, dass das so ein Klopper ist, also ich habe jetzt hier die analoge Ausgabe. Ich habe so ein Ding, dass selbst wenn ich das als Hörbuch gehört habe oder als E-Book gelesen habe, dass ich es dann trotzdem auch nochmal analog mir besorgen muss und in mein Regal stellen muss. Weil das sind dann so, also diese Bücher, die dann da stehen, sind dann so ein bisschen wie meine Freunde. Und wenn ich das nicht mache, also mir nochmal so ein analoges Exemplar dahin stelle, dann vergesse ich irgendwie einfach, dass ich das halt ja irgendwann mal gelesen habe und dann denke ich nie wieder mehr daran. Also zumindest ist das die Angst.
Speaker0:
[22:08] Und deswegen mache ich das und so kann ich im Alltag immer mal so an mein Bücherregal gucken und dann bleibe ich da kurz dran und kleben und dann erinnere ich mich an die Situation, als ich dieses Buch gehört oder gelesen habe. Und dann bin ich so ganz kurz rausgesaugt aus dem Moment, in dem ich gerade bin und fühle dieses Buch nochmal nach und das finde ich einfach total schön und daher dieser Spleen. Aber was ich ja eigentlich erzählen wollte, also es sind auf jeden Fall über 1200 Seiten.
Speaker0:
[22:39] Also das ist schon krass. Richtig dünnes Papier. Und obwohl es ja so dick ist, kenne ich mittlerweile sehr viele Leute, die das schon gelesen haben. Also irgendwie scheint es zu funktionieren. Ich lese mal rein. Es klingelte und keine ihrer Schwestern machte auf. Immer wieder wurde an der Klingelschnur gezogen und sie schaute weiterhin reglos in den Garten. Den ganzen Morgen schon regnete es und machte ihre Stimmung der ganzen Welt zugänglich, sichtbar. Der Regen, der graue Himmel, die feuchte Erde stellten sie bloß und gaben der ganzen Welt Einblick in ihre Wunden. Der Vater war noch nicht da und die Stiefmutter war mit der kleinen Stoffe kaufen, mit der neuen prächtigen Kutsche von Papa. Sie rief nach ihren Schwestern, niemand antwortete. Dann erhob sie sich langsam und zwang sich die Stufen hinunter, um die Tür zu öffnen. Vor der Tür stand ein junger Mann in einer weißen Uniform. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen und trat ein wenig irritiert von der schweren Eichentür zurück. »Guten Tag, Sie müssen Anastasia sein?« »Darf ich mich vorstellen?« »Simon Yashi, Oberleutnant der Weißen Garde und ein Freund ihres Vaters.« »Wir sind verabredet. Darf ich reinkommen?«.
Speaker0:
[23:48] Also kein einfacher Offizier, ein Leutnant, ein Oberleutnant dazu. Sie nickte nur stumm und reichte ihm die Hand. Er war stattlich groß und breitschultrig, mit schlanken Gliedern und knochigen Händen, die ziemlich beharrt waren, unpassend zu diesem herausgeputzten Herrn. Es schien, als würde die Natur sich durch die Uniform drängen.
Speaker0:
[24:09] Er nahm seine perfekt sitzende Kopfbedeckung ab, die sie ein wenig lächerlich fand, und trat ein. Sie wunderte sich schon, wo denn alle anderen steckten und überhaupt schien das ganze Haus wie ausgestorben. Das merkte sie erst jetzt. Also ich muss sagen, ich kriege direkt wieder Bock. Ich tue mich wirklich schwer mit Historie, aber das ist einfach so gut geschrieben. Und auch wenn ich ja eigentlich dieses Hörbuch schon gehört habe, ich will jetzt wissen, wie es weitergeht in diesem komischen Oberleutnant. Und ich erinnere auch noch, dass die männlichen Figuren wirklich auch so Paradebeispiele für so toxische Männlichkeit waren. Also jetzt vielleicht nicht alle, aber finde ich ihn jetzt auf Anhieb. Ah, Kostja, genau. Kostja, so hieß er. Also das ist so wirklich eine typische männliche Figur, wo man irgendwie denkt, Diggi, ein bisschen mehr Empathie. Und du würdest dir das Leben wahrscheinlich nicht ganz so schwer machen. Naja, erzählen wir ja nicht erst seit gestern, ne? Ja, also große Empfehlungen für dieses Buch. Doch grab dich rein. Auch im nächsten Roman geht es um eine Familie, allerdings viel konzentrierter als bei Das achte Leben für Brilka. Wir hören mal in die Sprache von Lynn, die du schon aus der Folge How to Demo kennst, wo sie mit Sky vom Feminist Fight Club beschrieben hat, wie das mit diesen Demonstrationen anmelden eigentlich funktioniert.
Speaker0:
[25:26] Mein Buchtipp ist Chins von Fatma Aydemir, das ist ein Roman, der 2022 erschienen ist und von der sechsköpfigen kurdischen Familie Gemass handelt, die in den 70er Jahren als Gastarbeiterfamilie nach Deutschland kommt. Und das Buch beginnt damit, dass der Familienvater Hüseyin nach 30 Jahren harter, schwerster körperlicher Arbeit in den Ruhestand versetzt wird und zurück in die Türkei nach Istanbul kehrt, um sich dort den Traum einer Eigentumswohnung zu erfüllen. Er reist dann eine Woche vor seiner Familie dorthin, um alles fertig zu machen und stirbt aber noch am gleichen Tag an einem Herzinfarkt. Und der restliche Roman hangelt sich dann entlang der verschiedenen Perspektiven der verbliebenen Familienmitglieder, und ist total bewegend, nicht nur weil er so viele verschiedene Themen anschneidet, wie zum Beispiel die Frage der Identität, also sei es die sexuelle oder die geschlechtliche Identität oder ob die Familie kurdisch oder türkisch ist und was es eigentlich ausmacht, kurdisch zu sein. Und um die Frage nach der Ehe, es ist total bezeichnend in diesem Buch, denn die zweite älteste Tochter Peri lehnt zum Beispiel die Institution der Ehe komplett ab, während ihre Mutter und ihre älteste Schwester Sefta noch total auf die Ehe angewiesen waren, um überhaupt ihren Elternhaus in Anführungszeichen entflüchten zu können, um ihr eigenes Leben zu starten, um sich dann wiederum in diesen Strukturen gefangen zu fühlen.
Speaker0:
[26:46] Und eine Frage, die mich besonders beschäftigt oder bewegt hat, und ich denke, so wird es vielen Personen mit Migrationshintergrund gehen, also vielen Mikra-Kindern der ersten und zweiten Generation, aber auch darüber hinaus, ist die Frage, wie man dem eigentlich gerecht werden kann, dass die Eltern in ein neues Land ziehen und so viel aufgegeben haben und so hart dafür gearbeitet haben, um allen selber eine bessere Zukunft zu ermöglichen und dem Anspruch eben dem gerecht zu werden. Und dann auch wiederum die Frage, ob es nur das ist oder ob es vielleicht auch an einer gewissen Form von Rassismus liegt, dass man als Person mit Migrationshintergrund.
Speaker0:
[27:21] Doppelt und dreifach hart arbeiten muss, um ja nicht aufzufallen, um hier rein zu passen, um sich diesen Platz zu verdienen. Und es wird damals in dieser Zeit, in der es spielt, also Werner Baseballschläger Jahre, noch mal eine andere Konnotation gehabt haben, aber ist in heutigen Zeiten aktueller denn je. Und was mich aber auch besonders berührt hat, ist die Rolle der Mutter, die immer zutiefst kritisiert wird für alles, was sie ist und tut. Das Buch eröffnet unweigerlich auch die Frage, ob sie eine gute Mutter ist und das an vielen Stellen vielleicht auch zu Recht. Aber auch die Frage, inwiefern man Verständnis für diese Frau hat, die so viel erlitten hat und durchlebt hat, hat mich sehr, sehr lange begleitet. Ich würde sagen, dieses Buch ließ sich sehr leicht weg. Ich habe das in einer Nacht quasi durchgelesen. Es bleibt aber sehr lange bei einem und ich würde es allen, eigentlich wirklich jeder Person empfehlen zu lesen.
Speaker0:
[28:20] Übrigens bei Hansa erschienen. Ja, finde ich richtig nice, dass Lynn diesen Tipp reingegeben hat, weil ich habe tatsächlich schon ein-, zweimal versucht, mit dem Buch zu beginnen und bin nicht so richtig reingekommen. Und mir hilft irgendwie gerade, von ihr diesen Ausblick zu bekommen, worum es denn nach dem Anfang dann noch geht. Also manchmal ist das ja einfach so, dass man sich bei Büchern durch die ersten Seiten so ein bisschen durcharbeiten muss und dann floats halt irgendwie. Ich schaue mal kurz in die erste Seite rein, aber vielleicht lese ich dann auch nochmal weiter in der Mitte. Vielleicht macht das schon einen Unterschied. Hüseyin. Hier oben zu stehen und zu wissen, ich habe mir das verdient, mit dem Schweiß meiner Stirn. Ja, dank Lynn wissen wir jetzt schon ungefähr, in welche Richtung das weitergeht. Ich kann ja mal so ein bisschen in die Mitte...
Speaker0:
[29:41] Wie Hüseyin und Emine wohl dachten, Peri müsse ständig mit anderen lernen, um voranzukommen und wie sie wohl glaubten, das Verbot nach 18 Uhr das Haus zu verlassen, könne Peri davon abhalten, das zu tun, woran alle jungen Leute in ihrem Alter unentwegt dachten und ihre Jungfräulichkeit schützen. Als ob man vor 18 Uhr nicht entjungfert werden konnte, als ob man sich vor 18 Uhr nicht in der Wärme den Küssen, dem Schweiß des anderen baden konnte, als ob es nicht tausend Dinge gab, die man anstellen konnte, um Lust zu empfinden, ohne dieses sogenannte Jungfernhäutchen zu verlieren, dessen Existenz wissenschaftlich längst widerlegt war, wie Perry später in der Frauengruppe lernen sollte. Als ob man sich nicht schon am Morgen vor der Schule duschen und rasieren und eincremen konnte, als ob man die Creme nicht in die Schultasche stecken konnte, um sie nach dem Unterricht auf dem Schulklo nochmal aufzutragen, damit die Haut vor dem Date zart war und gut roch, als ob man sich nicht von den paar Mark, die man bei der Inventur im Lager von Edeka verdiente, endlich einen BH kaufen konnte, der nicht ausgeleiert und beige und viel zu groß und vorher von der Mutter getragen worden war, einen BH, der schwarz und transparent und nur für die Nachmittage im Keller bestimmt war, als ob ihr irgendwer angesehen hätte, wenn sie gegen halb sechs nach Hause kam, dass ihr Gesicht nicht vom vielen Mathelehren geschwollen und gerötet war, sondern von anderen Dingen.
Speaker0:
[31:07] Okay, das klingt schon wieder, das klingt ja schon wieder nach einem anderen Schnack. Vielleicht macht das auch so ein bisschen die Pole klarer, zwischen denen sich der Roman so erstreckt. Gins hat 368 Seiten, das Hardcover zumindest. Also kurz würde ich das jetzt nicht nennen, aber wir haben ja gerade gehört, dass das irgendwie nicht total kompliziert geschrieben ist oder so. Ich gehöre aber tatsächlich eher zu den langsamen Leserinnen. Wenn ich tatsächlich mal was überfliegen will, dann muss ich mich so richtig, richtig doll anstrengen. Also das braucht ganz viel Konzentration. Da lese ich dann doch lieber Wort für Wort einfach ganz genau und mache zwischendurch Pausen.
Speaker0:
[31:46] Um zu verarbeiten, was ich da gerade gelesen habe. Ihr könnt mir ja mal schreiben, wie das bei euch ist, ob ihr schnell Leserin seid oder ob ihr genauso langsam euch Sachen reinzieht wie ich. Ich meine, man lebt dann dadurch halt auch länger und ausführlicher in der Geschichte, aber manchmal nervt es mich auch, dass ich nicht einfach sowas auch mal ein bisschen verspeisen kann. Übrigens, wenn du jetzt merkst, das ist ja mega cool, dass die ganzen Leute hier ihre Sprachnachrichten reinschicken konnten und durften, Du kannst das auch. In den Shownotes findest du einmal den Link zu einem WhatsApp-Kanal und einen Link zu einem Telegram-Kanal. Und immer, wenn ich nach Sprachnachrichten suche, dann poste ich da was und frage genau danach. Aktuell suche ich zum Beispiel immer noch nach Input zum Thema Gewerkschaften. Woran denkst du, wenn du an Gewerkschaften denkst? Wann hattest du selbst schon mal mit Streiks, Gewerkschaften oder Arbeitskämpfen zu tun? Und was hat das Ganze für dich mit Feminismus, Care-Arbeit oder deinen ganz eigenen Arbeitsbedingungen zu tun? Das interessiert mich total, weil ich arbeite gerade an einer Doppelfolge in Kooperation mit Verdi, mit der Gewerkschaft Verdi.
Speaker0:
[32:58] Und da wäre es einfach total hilfreich, auch zu wissen, wie du auf das Thema blickst. Also komm gerne in die Kanäle, da ist dann auch die Telefonnummer notiert, an die du deine Sprachnachricht schicken kannst. Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen wegen Versprechern oder irgendwas, das schneide ich alles raus, dass es am Ende wie gegossen klingt.
Speaker0:
[33:20] Und ich nenne auch keine Namen, also es bleibt sowieso anonym. Ich freue mich drauf, danke dir. Die nächste Sprachnachrichtlerin kennst du auch schon, das ist nämlich die Musikjournalistin Diviam Hoffmann, mit der ich den Live-Podcast über die Skipunks aufgenommen habe.
Speaker0:
[33:35] Los geht's mit ihrem Tipp. Ich habe vor ein paar Jahren den Roman Im Prinzip ist alles okay von Jasmin Polat gelesen. Und das ist definitiv keine leichte Lektüre, nicht weil es so kompliziert geschrieben würde, Aber es geht um die psychischen Belastungen, wenn man das erste Mal Mutter wird, vor allem wenn man selber nicht so eine gute Kindheit hatte. Im Roman steht die Figur Mirjam Topal, Topal auch ein Anagramm vom Namen der Autorin, Polat.
Speaker0:
[34:04] Die steht im Fokus und die kriegt halt ihr erstes Kind und will halt alles total richtig machen und kriegt dabei aber immer so Flashbacks aus ihrer eigenen Kindheit, und auch aus ihrer Vergangenheit, was halt vor allem mit den männlichen Figuren in ihrem Leben nicht so richtig gut gelaufen ist. Also sie hat psychische und physische Gewalt in der Familie erlebt und will diesem Kind halt genau das Gegenteil quasi ermöglichen, nämlich eine schöne Kindheit.
Speaker0:
[34:29] Und da hat man ja auch ohne diese Gewalterfahrung in der eigenen Kindheit ja total viel Druck als Mutter irgendwie zu funktionieren. Man kriegt ungefragte Ratschläge, wenn man irgendwie einkaufen geht, wenn man aufs Handy schaut, wo man gerade den Kinderwagen schiebt, ob man jetzt die richtigen Sachen kauft, das Kind richtig angezogen ist, man auch selber auch noch toll aussehen muss und noch den richtigen Salat zum Sommerfest mitbringen muss. All diese ganzen Ansprüche, die man so an sich haben kann, um die geht es da zum Beispiel in dem Buch. Und außerdem natürlich mein Steckenpferd ist auch einiges an Popkultur da reingewandert. Wird zum Beispiel so ein Lied von Lana Del Rey umgedeutet als Schlaflied. Und ja, das liegt auch daran, dass die Autorin großer Lana Del Rey Fan ist. Jasmin Poulat, die ist ja auch selber Podcasterin und Autorin und ich finde eine absolute Instagram-Ikone. Und im Prinzip ist alles okay. Auch ein ganz großartiger Titel, finde ich. Und ich finde, das ist ein sehr gutes Buch, was sehr viel mehr Leute noch lesen können.
Speaker0:
[35:35] Ja, für den Tipp war ich tatsächlich ganz dankbar, weil ich das Buch auch schon gelesen habe, mal zur Abwechslung und auch empfehlen kann. Ich habe dazu auch schon mal eine Rezension auf Instagram veröffentlicht und auch wenn meine Erinnerungen an diese Zeit verschwimmen, habe ich da tatsächlich festgehalten, dass es mein erstes Buch war, das ich im Wochenbett gelesen habe. Schön müde, in verkrampfter Haltung, aber ich wollte wissen, wie es weitergeht. Hab gelesen und gelesen, das spricht ja wohl für die Story, steht da. Und ja, ich kann mir das noch gut vorstellen, so mit irgendwie Baby im Arm und dann so ein bisschen aufsitzen und stillhalten, damit sie ja weiterschläft und dann weiterlesen und irgendwie versuchen umzublättern, ohne dass es irgendjemand im Raum mitbekommt. Ich weiß auch noch, dass viele Unsicherheiten so für mich nicht nachzuvollziehen waren von der Protagonistin, aber dass ich einfach super gut durchgekommen bin und es schon sehr genossen habe, so im Flow zu sein, das so wegzulesen. Ich hatte es dann auch meiner Schwester empfohlen, die irgendwie eine lange Lesepause hatte und der ging es ganz ähnlich. Also ich hatte sie dann dazu gebracht, in unserem gemeinsamen Urlaub anzufangen zu lesen und sie hat es dann nicht mehr aus der Hand gegeben. Na, ich lese mal kurz rein. Für alle ewigen Kinder ist die Widmung.
Speaker0:
[36:55] Sieben Jahre Ewigkeit, August 2019, Baby sieben Monate alt. Im Prinzip ist alles okay. Die Sonne scheint durch die Bäume direkt auf meine dunklen Haare, die sich heute besonders strohig anfühlen. Ich trage ein weißes T-Shirt und einen weiten schwarzen Seidenrock, der leicht in der Sommerbrise weht. Ich muss wie eine Göttin aussehen. Aber leider habe ich den Reißverschluss nicht mehr ganz zubekommen, das letzte Stück musste offen bleiben, also eher eine Halbgöttin. Behelfsmäßig habe ich mein Shirt aus dem Rock gezogen und locker über das Reißverschlussende gelegt. An den Reißverschluss werde ich im Laufe des heutigen Abends bestimmt noch 22 Mal denken und immer wieder zwanghaft an meinem Rücken herumnesteln. Auch dann noch, wenn ich schon drei Sekt getrunken habe. Die Kontrolle verlässt mich nie.
Speaker0:
[37:44] Hier im Park findet gleich eine Hochzeit statt und ich habe Salat mit Buchweizen mitgebracht. Buchweizen? Wer bin ich eigentlich geworden, dass ich mit einem Getreidesalat auf Hochzeiten antanze? Aber das Rezept habe ich in einem Otto-Lengi-Kochbuch gefunden, also schmeckt der Salat nicht so freudlos, wie er erstmal klingt. Zwei Tage lang habe ich überlegt. Welcher Salat schindet Eindruck, macht aber möglichst wenig Stress. Jetzt steht er in einer schmucklosen Glasschüssel auf einem Steinvorsprung, den die anderen Gäste als Buffet auserkoren haben. Zwischen Simmetkringeln und Ja-Erdnüssen aus der Dose ragt mein Meisterwerk empor. Buchweizensalat mit glasierten Möhren in einer Vinaigrette aus Himbeeressig und Bestätigungsdrang. Ich gebe es ja zu. Ich hätte einfach gern, dass jemand sagt, oh Gott, wer hat den denn gemacht? Und dann erst dann kann ich leicht die Hand heben und dabei lächelnd auf den Boden schauen. Und dann werde ich mich fragen, ob meine Dankbarkeitsperformance okay war und ob ich das nächste Mal noch versuchen sollte zu erröten. Tja, so ist das. An so Tagen wie heute muss ich jedes Wort und jede Geste im Kopf durchspielen, bevor ich spreche oder handle. Ich gebe auf alles Acht bis zum letzten Reißverschlusszahn.
Speaker0:
[39:01] Das Buch ist im Goya Verlag erschienen und ich stimme Diviam auf jeden Fall zu, dass Jasmin Poulat sowieso eine Person ist, deren Arbeit man durchaus verfolgen kann. Eine weitere Stimme, die du schon aus dem Podcast kennst, ist die von Mariella Georg. Folge 28 und 29 waren das übers Gemeinsam Widerständigbleiben, also Self-Care und Collective Care waren da die Themen, natürlich nach wie vor absolut hörbar und aktuell. Und hier kommt ihre Sprachnachricht. Kennt ihr diese Bücher, bei denen man eigentlich nur noch ein Kapitel lesen
Speaker0:
[39:35] will und plötzlich ist es schon 2 Uhr nachts? Genauso ging es mir mit Der längste Schlaf von Melanie Rabe. Was für ein atmosphärischer Thriller. Im Mittelpunkt steht Mara Lux. Sie ist ausgerechnet Schlafforscherin und leidet selbst unter massiver Schlaflosigkeit. Als sie völlig überraschend ein altes Herrenhaus erbt, beginnt eine Geschichte, die Wissenschaft, Thriller, Mystery und ein bisschen Paranormales auf eine Art verbindet, die ich so noch nicht gelesen hatte. Melanie Rabe spielt ständig mit der Frage, was ist Traum, was ist Realität und wie viel können wir unserem eigenen Verstand eigentlich trauen. Was mir besonders gefallen hat, man lernt beim Lesen ganz viel nebenbei über Schlaflosigkeit, Träume, Schlafhygiene und darüber, wie existenziell Schlaf eigentlich für uns Menschen ist.
Speaker0:
[40:20] Da ich mich sehr mit dem Thema Wellness und Psychohygiene und Gesundheit befasse, fand ich das sehr erfrischend, ab und zu diese kleinen Fakten zu lesen. Und dann war da noch etwas, das mich sehr positiv überrascht hat. An mehreren Stellen schwingt eine subtile rassismuskritische Perspektive mit. Das ist dann nie im Mittelpunkt der Geschichte und genau deshalb fand ich es so gelungen. Und auch die Atmosphäre hat mich komplett abgeholt. Dieses alte Haus irgendwo gelegen in Hessen. Die bedrückende Stimmung, die Frage, ob hier tatsächlich etwas Übernatürliches passiert oder ob Schlafmangel und Trauma die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen lassen. Ich hatte beim Lesen ständig dieses angenehme Unbehagen. Für mich ist der längste Schlaf deshalb viel mehr als ein klassischer Thriller. Es ist ein Buch über Erinnerung, Verlust, Identität und die Macht unserer Träume. Wenn ihr psychologische Thriller mögt, die euch nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken bringen, dann kann ich euch dieses Buch so wirklich empfehlen.
Speaker0:
[41:25] Ja, der längste Schlaf, das klingt verführerisch, aber irgendwie auch hart, dass es dann eben gerade um Schlafprobleme geht. Ich lese mal rein in das erste Kapitel.
Speaker0:
[41:36] Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Schlaflosigkeit längst ein Teil von mir ist. Dass sie zu mir gehört wie meine braunen Augen, meine Vorliebe für Blumen, warme Croissants und gute Bücher oder meine Abneigung gegen Angeber, Zyniker und Rosenkohl. Ich atme tief ein und aus und versuche, mein übermüdetes Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Es ist unerträglich heiß in der U-Bahn. Die Tage werden schon seit langem merklich kürzer, aber die Hitze hat den Hochsommer überlebt. London fühlt sich seltsam an in diesem September, die Schatten werden länger, ich rieche den Herbst bereits in der Luft, doch er kommt nicht. Ich spüre, wie mir mein T-Shirt am Rücken klebt und ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, das Kostüm für meine Präsentation nicht schon am Morgen anzuziehen, sondern es in einem Kleidersack mitzunehmen. Ich sage, das Kostüm, weil ich mir in dem teuren, dunkelblauen Anzug von Ralf Lorien, den ich mir eigentlich absolut nicht leisten kann, einigermaßen verkleidet vorkomme. Normalerweise trage ich immer dasselbe. Jeans, ein weißes T-Shirt und, wenn es kühl ist, dazu einen lockeren, schwarzen Blazer. Dazu mein unverhandelbarer roter Lippenstift, mein Markenzeichen, meine Kriegsbemalung und fertig. Ich habe mich früh dazu entschieden, mich nicht mit Nebensächlichkeiten wie Kleidung oder aufwendigem Make-up aufzuhalten und so hängen in meinem Kleiderschrank acht Paar Jeans, 16 weiße T-Shirts und vier verschiedene schwarze Jackets.
Speaker0:
[43:00] Okay, das ist auf jeden Fall eine Person, mit der ich es da zu tun hätte, die sich stark von mir unterscheidet, aber das ist ja dann eigentlich ganz interessant. Darum geht es ja, auch mal die Perspektive von anderen einzunehmen, mit denen man sonst nicht so viel zu tun hat. Also ich finde sowas wie mit dieser, was heißt das, Capsule Wardrobe, Kapselgarderobe, ist auf jeden Fall gar nichts für mich.
Speaker0:
[43:27] Also ich bin die, die von der Straße hier in Neukölln das runtersammelt, was andere da halt ursprünglich hingeschmissen haben. Das hat nichts mit Minimalismus zu tun. Aber vielleicht gehe ich mal nochmal mehr in die Mitte.
Speaker0:
[43:39] Vor wenigen Minuten erschien mir Schlaf nach allem, was heute war, eine Unmöglichkeit zu sein. Inzwischen bin ich jedoch so müde, dass mir das schwere alte Bett enorm verlockend vorkommt. Kaum, dass ich die schweren Vorhänge zugezogen habe, um das Wetterleuchten auszusperren, da kommt die Müdigkeit über mich wie die Flut. Ich bin geistig und körperlich so erschöpft, dass ich nur noch ins Bett krieche und trotz der spätsommerlichen Wärme die Decke über meine nackten Beine ziehe und versuche, mich zu entspannen. Was soll schon passieren? Ich bin allein. Die Türen sind zu und von innen abgeschlossen und auch die Tür des Raumes, in dem ich schlafe, habe ich von innen verriegelt. Ich lösche die kleine Lampe auf dem Nachttischstränkchen und ich falle. Spüre, wie mein Körper leichter und leichter wird, wie Schlaf Schritt für Schritt näher kommt, wie ein scheues Tier, das Zutrauen fasst. Das Bild des Rehs taucht vor meinem inneren Auge auf, mein Bewusstsein entgleitet mir und.
Speaker0:
[44:33] Ich öffne die Augen, blinzle verwirrt, das schwere Bett, der Stuhl, über dem meine Kleidung liegt, mein Koffer, die Vorhänge, der Nachttisch, alles in warmes Licht getaucht, das von der kleinen Schirmlampe ausgeht, die ich doch eben noch ausgeschaltet habe. Spinne ich? Ich setze mich auf, schaue mich um. Ich bin allein. Ich zwinge mich, mich nicht wie ein kleines Kind zu verhalten und unter dem Bett nachzuschauen, Unter dem Bett ist niemand, unter dem Bett kann niemand sein, der Hohlraum unter dem Bett ist so schmal, dass sich noch nicht einmal ein Kind dort unten verstecken könnte. Habe ich das Licht vorhin wirklich ausgemacht? Wahrscheinlich nicht. Ich knipse das Licht aus, lege mich wieder hin und das Licht geht wieder an.
Speaker0:
[45:15] Ach herrje, okay. Das finde ich ja jetzt schon gruselig. Ich verbringe meinen Urlaub ja in einer Hütte in Finnland und ich weiß nicht, ob das, also das könnte natürlich die perfekte Umgebung für dieses Buch sein. Der Vorteil dort ist natürlich, dass es halt sehr lange nicht dunkel wird. Also immerhin muss ich mich dann nicht wirklich krass gruseln. Aber also ich finde es schwierig mit dem Gruseligen. Aber ich kann Mariella schon auch verstehen mit diesem angenehmen Unbehagen. I don't know, also es kitzelt mir jetzt schon ein bisschen im Fuß. Aber ja, also ich bin ja auch niemand, der irgendwie True Crime oder sowas hört, weil ich habe immer das Gefühl, ich habe immer schon genug Fantasie, was jetzt alles irgendwie passieren könnte. Obwohl ich das mit dem Thema Schlaf und den wissenschaftlichen Facts, die hier anscheinend auch noch mit reingeflochten sind, auf jeden Fall sehr interessant finde. Ja, da müsste ich meine Komfortzone ein bisschen verlassen. Ich sage es ehrlich.
Speaker0:
[46:13] Der letzte Tipp dieser Folge kommt aus der Community und ist ein Buch, das älter ist als alle anderen Bücher dieser Folge. Und das heißt, es kommt mit so einer Portion Kultstatus daher. Wir hören mal rein.
Speaker0:
[46:26] Ich kann sehr das Buch Die Töchter Egalias von G. Brandenberg empfehlen. Das ist von 1979 und es ist super lustig an vielen Stellen und teilweise auch tragisch und geht um eine Gesellschaft, die ein Matriarchat hat, das so funktioniert wie das Patriarchat, was ja richtige Matriarchate nicht tun, wie wir hoffentlich wissen, wo eben die Männer all diesen Schönheitsnormen ausgesetzt sind Und es wirklich total interessante Argumentationslinien gibt, warum Männer quasi das schwache Geschlecht sind. Also zum Beispiel, dass eben Frauen wachsen Brüste und Frauen, also, cisnormativ natürlich, cis Frauen bekommen ihre Menstruation irgendwann und deswegen sind sie quasi überlegen, weil der Körper der Frauen entwickelt sich weiter und, der von den Männern bleibt ja eigentlich so, wie er als Kind schon war. Außer, dass ein paar Haare dazukommen.
Speaker0:
[47:26] Ich finde es einfach richtig cool, diese Argumentationslinien, die halt dadurch aufzeigen, wie absurd all unsere naturalisierten Argumentationslinien über, Geschlecht und vor allen Dingen natürlich Cis-Geschlechtlichkeit und Heteronormativität sind. Und man sich wirklich denkt, okay, oder Frau oder Mensch, sich wirklich denkt, okay, das ist halt wirklich alles ausgedacht und könnte auch alles ganz anders gesehen und dargestellt werden. Und ja, auch die Art und Weise, wie halt in dieser Gesellschaft zum Beispiel Geburt passiert in einem sogenannten Gebärpalast, was so eine richtige Zeremonie dann ist und die Frau wird so gefeiert und kriegt so alles, was sie will und es ist ganz wichtig, dass all ihre Gelüste sofort befriedigt werden, damit es der Frau und dem Kind gut geht und ja, es ist großartig, wirklich, wirklich empfehlenswert. Ja, das klingt auf jeden Fall ein bisschen spezieller, also dass man sich darauf einlassen muss, weil es halt eher ein Klassiker ist und man vielleicht auf diese etwas abgedrehte Art und Weise zu denken auch erstmal klarkommen muss. Ich lese einfach mal rein.
Speaker0:
[48:38] Direktorin Bram und ihre Familie, Christopher, Petronius und Barr. Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen, sagte Direktorin Brahm und blickte über den Rand der Egalsunder Zeitung zurechtweisend auf ihren Sohn. Es war ihr anzusehen, dass sie gleich die Befrauschung verlor. Außerdem lese ich Zeitung. Verärgert setzte sie ihre Lektüre fort, bei der sie unterbrochen worden war. Aber ich will Seefrau werden. Ich nehme die Kinder einfach mit, sagt Bretonius erfinderisch. Und was glaubst du wohl, wird die Mutter des Kindes dazu sagen? Nein, mein Lieber, es gibt gewisse Dinge im Leben, mit denen du dich abfinden musst. Du wirst allmählich lernen, auch das zu mögen, womit du dich abfinden musst. Selbst in einer egalitären Gesellschaft wie der unseren können es nicht alle Wiebschen gleich haben. Es wäre zudem tödlich langweilig, grau und trist. Es ist viel grauer und trister, nicht werden zu dürfen, was dann will.
Speaker0:
[49:39] Wer hat denn gesagt, dass du nicht werden darfst, was du willst? Ich sage nur, du sollst realistischer sein. Keine kann das Ei essen und zugleich das Küken haben wollen. Bekommst du Kinder, so bekommst du Kinder. Hör mal zu, Petronius. In meiner Jungmädchenzeit hatte ich auch eine Menge hochfliegender Träume von dem, was ich werden wollte. Seefrauenromantik. Daran leidest du. Du solltest aufhören, all die abenteuerlichen Erzählungen über die Taten von Frauen zu lesen und dich lieber in Jünglingsromane vertiefen. Dabei bekommst du viel realistischere Vorstellungen. Außerdem ist das kein richtiger Mann, der zur See fahren will. Aber die meisten Seefrauen, die ich kenne, haben doch auch Kinder. Das ist doch etwas ganz anderes. Eine Mutter, Petronius, kann nie Vaterstelle bei einem Kind vertreten. Seine Schwester lachte gemein. Sie war anderthalb Jahre jünger als er und ärgerte ihn immer. Haha, ein Mann soll Seefrau werden, denkste. Neunmal klug fügte sie noch hinzu, dass der Widersinn doch schon in den Wörtern liege. Eine männliche Seefrau, der blödeste Ausdruck seit Wiebschen-Gedenken.
Speaker0:
[50:49] Vielleicht solltest du Schiffsjunge werden? Oder Zimmermann? Oder Steuermann? Ich lach mich tot. Alle Männer, die zur See gehen, sind entweder Prostis oder Fallüster. Also wir haben es auf jeden Fall auch mit einem neuen Vokabular zu tun. Wiebchen sind glaube ich Menschen einfach und dann ist jedes Frau mit Mann verdreht und jedes Mann mit Frau.
Speaker0:
[51:11] Also die haben wirklich so diese Übung des Verdrehens der Geschlechter auf die Spitze gebracht. Aber das macht schon Spaß. Ich habe auch das Gefühl, das ist echt so ein gutes Buch, was man vorlesen kann. Also vielleicht kann man sich auch mit jemandem zusammentun und sich das gegenseitig vorlesen. Wo ist das Theaterstück dazu? Das schreit doch danach. Christiane Rösinger hat natürlich schon was zu Planet egal ja gemacht. Christiane Rösinger musst du dir auf jeden Fall mal zu Gemüte führen. Sie ist Teil der Lassie-Singers gewesen. Und einfach eine tolle Persönlichkeit. Muss man einfach mal folgen, was die so macht. Und sie hat anscheinend ein Stück gemacht, wo mehrere Utopien verbunden wurden. Also nicht nur die Töchter Egalias, sondern zum Beispiel auch die feministische Science Fiction von Ursula K. Le Guin. Ja, das war bestimmt schön. Ich hoffe, da gibt es auch nochmal Bestrebungen, das nochmal aufzunehmen. Doch ja, ich habe das Gefühl, das ist ein gutes Buch, dass da einfach vieles nochmal neu sortiert und hinverrückt wird und es im Kopf so richtig anfängt zu knarzen, das liebe ich. Also vielen Dank für diese Empfehlung aus der Community.
Speaker0:
[52:21] Ja, das waren die acht Empfehlungen. Ich danke allen SprachnachrichtlerInnen fürs Mitmachen. Ich war echt krass beeindruckt, wie gut ihr es auf den Punkt bringen konntet, warum es in diesem Sommer eben gerade dieses eine Buch sein muss. Und erst dachte ich ja, dass ich auch noch einen Tipp reingebe. Aber ehrlich gesagt, hattet ihr dann eh schon ausgesorgt. Und wie gesagt, ich stecke ja gerade eh in so einer Leseflaute. Das heißt, ich hätte irgendwas von vor tausend Jahren empfehlen müssen. Jetzt fühle ich mich auf jeden Fall sehr gut ausgestattet. Und vor allem hatte ich einfach so eine gute Zeit mit diesem Anlesen der Bücher und sich jetzt diese ein, zwei Tage mit diesen Geschichten zu umgeben und einfach so in diese verschiedenen Welten einzutauchen. Das hat mir einfach richtig viel Spaß gemacht und mich direkt schon in eine Urlaubsstimmung versetzt. Ja, und diese Stimmung werde ich jetzt auch weiter ausbauen. Im August mache ich eine Sommerpause. Es wird also keine Podcast-Folge geben, aber im September ist Feminismus mit Vorsatz dann wieder am Start. Bis dahin verbleibe ich wie immer mit feministisch vorsätzlichen Grüßen. Tschüss!