Folge 59: Punk-Weisheit Christiane Rösinger: Erfolgreich altern heißt, einfach mal vom Positiven auszugehen (Feminismen in Aktion)
Von den Lassie Singers bis The Joy of Ageing: Feminismus, Wechseljahre, Altersarmut und die Pärchenlüge
Musikerin und Autorin Christiane Rösinger spricht über ihre feministische Reise: vom katholisch geprägten Dorf über die Lassie Singers im West-Berlin der Achtziger bis zu ihrem heutigen Blick aufs Älterwerden.
Wir reden über das Leben als sehr junge alleinerziehende Mutter, die Pärchenlüge, Wechseljahre und Altersarmut - und darüber, warum Frauen sich nicht auch noch das Älterwerden zum Problem machen lassen sollten.
Und angesichts von Backlash und Krisen stellt sich die Frage: Wie behält man trotzdem den Glauben daran, dass es weiter vorangehen kann?
Diese Folge wird präsentiert vom Goldmann Verlag. Das Buch „Die unverschämte Frau“ von Miriam Stein findest du unter https://www.penguin.de/buecher/miriam-stein-die-unverschaemte-frau/paperback/9783442302550
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Shownotes:
Christiane Rösinger: The Joy of Ageing [auf buch7]
Christiane Rösinger: Liebe wird oft überbewertet [auf buch7]
Christiane Rösinger: Das schöne Leben [auf buch7]
Planet Egalia am HAU (Theatersingstück von Christiane Rösinger)
Gerd Brantenberg: Die Töchter Egalias (Manifest Verlag)
Guardian-Artikel zu „Why I am not a feminist“
1000Dank an Christiane Rösinger und meine Schwester Toni fürs Zitat-einlesen!
Musik von slip.stream
Coverdesign: Svenja Limke
Titelmusik: Louis Schwadron
Transkript
Die Folge als Text!
Bitte beachte: Das Transkript wurde automatisch mit Auphonic erstellt und ist nicht perfekt.
Speaker0:
[0:00] Werbung! Ich erinnere mich noch, wie ich mir vor einigen Jahren bei meiner ersten Arbeitsstelle so am Kopf gekratzt habe und plötzlich fiel mir einfach mal eine Laus auf den Schreibtisch.
Speaker0:
[0:11] Ich bin panisch zur Apotheke, hab mir Läusemittel geholt und musste dann aber noch anderthalb Stunden mit dem Zug nach Hause fahren und hab mich gar nicht erst getraut, mich hinzusetzen, weil ich mich wirklich so aussätzig gefühlt hab. Als könnten es mir alle ansehen, die hat Läuse, die achtet nicht auf sich.
Speaker0:
[0:29] Heute habe ich ein Kind im Kita-Alter und wenn da die Nachricht kommt, es gibt Läuse, ist das irgendwie kaum noch ein Schulterzucken wert. An diese kleine Evolution der Scham musste ich denken, als ich »Die unverschämte Frau« von Miriam Stein gelesen habe, weil das Buch im Grunde genau diese Frage stellt. Wofür schämen wir uns eigentlich? Und muss das so bleiben? Miriam Stein schreibt, Scham hat den Wellnessfaktor eines Säurebads und schaut sich an, wie viel gerade Frauen davon abbekommen. Da ist Scham rund um den eigenen Körper, das Älterwerden, Essen, Gelddinge, Herkunft. Miriam Stein selbst schämt sich zum Beispiel so sehr für ihre Zähne, dass sie sich zu selten untersuchen lässt und in Kauf nimmt, dass es dann noch schlimmer wird. Da ist sie sicherlich nicht allein mit. Und gleichzeitig sagt Miriam Stein eben nicht, die Scham muss komplett weg. Die hat ja eine Funktion. Scham erinnert uns daran, dass unser Handeln Konsequenzen für andere hat. Und bei manchen würde ich mir tatsächlich wünschen, dass sie mehr davon empfinden würden. Was als schamhaft gilt, ist eben nicht in Stein gemeißelt. Und gerade weiblich sozialisierte Menschen könnten sich wahrscheinlich von ziemlich viel falscher Scham wieder verabschieden.
Speaker0:
[1:42] Ich mochte an dem Buch besonders, dass es so persönlich bleibt und einen mit Fragen am Anfang der Kapitel immer wieder über die eigenen Scham-Geschichten reflektieren lässt. Dahinter steht immer die Einladung, gemeinsam unverschämte Frauen sein. Das wäre doch was. Die Unverschämte Frau von Miriam Stein ist ein kluges, persönliches Buch darüber, wie Scham uns klein halten kann und wie wir ihr ein bisschen weniger Macht über uns geben können. Das Buch ist im Goldman Verlag erschienen und du findest den Link zum Buch wie immer in den Shownotes. Werbung Ende.
Speaker0:
[2:38] Das ist Feminismus mit Vorsatz, der Podcast rund um feministische Perspektiven mit mir, Laura. Mit Feminismen in Aktion, eine Reihe in der Reihe, in der FeministInnen von ihrer feministischen Reise erzählen. Dieses Mal habe ich Punkweisheit Christiane Rösinger eingeladen. Sie ist Musikerin, Kreuzbergerin und Großmutter, wuchs im Badischen auf und zog in den 80ern nach Westberlin, wo sie 1988 die Band Lassie Singers mitgründete. Sie schreibt journalistisch, aber vor allem als Autorin. Die Kritik an der RZB, romantische Zweierbeziehung, ist ein Lebensthema von Christiane. Dazu gibt es auch das passende Lassie Singers Lied namens Die Pärchenlüge. Pärchen stinken, Pärchen lügen, Pärchen winken und fahren nach Rügen. Cocktails trinken, Kartoffelchips essen, Händchen halten und die Freunde vergessen. Pärchen, verpisst euch, keiner vermisst euch.
Speaker0:
[3:38] Und über die Ungerechtigkeit rund um leistungsloses Einkommen durch Elternhintergrund könnte sich Christiane auch ewig aufregen. In der letzten Folge hatte ein Sprachnachrichtler das Buch Die Töchter Egalias empfohlen und ich hatte entdeckt, dass Christiane Rösinger im Berliner Theater Hebbel am Ufer das Singstück Planet Egalia auf die Bühne gebracht hatte. Bei so genialen Projekten dachte ich, es wäre nur angebracht, Christiane mal zu sprechen. Sie selbst zitiert einen der schönsten Sätze des »Die Töchter Egalias«-Romans in ihrem aktuellen Buch. Der entfährt dem alternden Herrlein Uglumose, als er sich seiner ewig unerfüllten Liebe Rektorin Barmeruth nähert, »Nichts strahlt mehr Würde aus als ein altes, faltiges Gesicht.«, Und da wären wir auch schon bei dem Thema, was Christiane aktuell beschäftigt, das Alter. So ist ihr aktuelles Buch »The Joy of Aging« ein Aufruf, sich nicht länger gefallen zu lassen, wie die Gesellschaft mit Frauen umgeht, die nicht mehr jung sind.
Speaker0:
[4:37] Ein Ratgeber, der keiner ist, denn letztendlich überlegt Christiane im Buch die ganze Zeit, was sie denn in diesen Ratgeber schreiben könnte. Und schwupps ist das Buch auch schon voller Erinnerungen, Gedanken und Geschichten, das immerhin einen Rat bereithält, nämlich weniger Klagen, mehr Leben. Denn alt sein heißt frei sein. Mit Christiane spreche ich darüber, wie sie vom katholisch geprägten Dorf zur Feministin und Musikerin in Berlin wurde, und wie sie es geschafft hat, als sehr junge, alleinerziehende Mutter ihr eigenes Ding zu machen. Wir reden übers Älterwerden, über Wechseljahre und Altersarmut und darüber, wie man sich angesichts des aktuellen Backlashs nicht komplett den Glauben daran verliert, dass es eben doch noch weiter vorangehen kann. Los geht's wie immer bei Feminismen in Aktion mit dem Audioschnipsel, der den Beginn von Christianes feministischer Reise beschreibt.
Speaker1:
[5:32] Den Führerschein machen.
Speaker0:
[5:48] Warum beginnt denn deine feministische Reise mit diesem Sound?
Speaker1:
[5:52] Ja, also es geht jetzt sehr weit zurück und ich erinnere mich sogar an den Kindergarten. Und da haben die Jungs so Autofahren gespielt und ich wollte mitspielen. Und dann ist es, nee, nee, du kannst jetzt nicht mitspielen. Frauen können ja keinen Führerschein machen. Und ich so, wie bitte? Natürlich können Frauen einen Führerschein machen, weil meine Mutter damals über 40, was damals ungewöhnlich war, macht er gerade als einer der wenigen Frauen im Dorf bei uns einen Führerschein. Und ich glaube, es ist zum ersten Mal, dass mir aufgefallen ist, dass da was behauptet wird, was überhaupt nicht stimmt, was Frauen nicht können, wovon ich jetzt ausgeschlossen werden soll.
Speaker0:
[6:36] Gleichzeitig hast du in deinem Buch The Joy of Aging ja auch erwähnt, dass das jetzt auch nicht so das Leichteste für deine Mutter war, diesen Führerschein zu bekommen. Soweit ich mich erinnere, hatte sie sich ja in einer Gruppe zusammengetan mit anderen Freundinnen.
Speaker1:
[6:49] Ja, ja, ja. Man muss sagen, das war halt, was weiß ich, 1967 oder so. Und die Frauen auf dem Dorf, die sind so einen Traktor gefahren und alles. Dann haben wir schwer gearbeitet in der Landwirtschaft, aber Auto sind immer nur die Männer gefahren. Und dann hat sie sich halt mit ihren Freundinnen so zusammengetan. Und die Hälfte vom Dorf hat halt schon gelacht und die fallen bestimmt durch. Und Fahrschullehrer, das habe ich dann erfahren, auch von Jüngeren, dass es ja heute noch richtige Ekel sein können, die immer sexuelle Bemerkungen machen und so. Das war so, als ich den Führerschein gemacht habe, weil als ich so mit 30-plus-Freundinnen geredet habe, haben die gesagt, das sind die gleichen Sprüche heute noch. Und die hat einen Fahrlehrer, der hat so rumgemacht und der hat die so fertig gemacht, dass sie vorher immer mal Valium-Tabletten genommen haben. Valium gab es damals auch, einfach wurde so verschrieben. Also es ist natürlich nicht das Beste, sich unter Valium zu setzen, bevor man so eine Fahrstunde hat. Aber Fazit, das sie haben, sind alle durchgekommen.
Speaker0:
[8:04] Man hat so seine Methoden gehabt. Also gerade das Traktorfahren erinnert mich auch an eine andere Szene. Das war aber, glaube ich, in deinem ersten Buch, wo du erzählt hast, dass du schon als Achtjährige den Traktor immer wieder vorgefahren bist zum Einladen oder so. Und dann immer das mit der Kupplung ein bisschen schwierig war.
Speaker1:
[8:20] Naja, in der Landwirtschaft müssten halt Kinder immer helfen. Aber irgendwie haben die das nicht eingesehen, dass man halt mit einem achtjährigen Bein nicht die schwere Kupplung langsam kommen lassen kann. Und wenn man die so ruckhaft kommen lässt, dann fallen halt alle um, die hintendran auf dem Wagen stehen. Dann gab es immer ein großes Geschrei. Langsam kommen lassen.
Speaker0:
[8:44] Naja, bis du es dann halt umgedreht hast, dass du es denen als Teenagerin auch absichtlich zurückgegeben hast. Ja, das stimmt. Und was würdest du sagen, wie ging so deine feministische Reise weiter? Also wir haben jetzt so über dieses ganze Autofahren und Führerschein machen und so weiter gesprochen. Aber gab es dann, vor allem dort, wo du aufgewachsen bist, Orte,
Speaker0:
[9:10] Menschen, Medien, irgendwas, was dich feministisch geprägt hat? Oder kam das dann alles sehr viel später?
Speaker1:
[9:15] Also, wo ich aufgewachsen bin auf dem Dorf, das war ja in der Nähe von Karlsruhe, also so 30 oder 40 Kilometer. Und da ist ja auch das Bundesverfassungsgericht. Und da gab es schon immer Demos zu Paragraf 218 oder halt so diese Themen. Das habe ich schon immer verfolgt. Und ja, da gab es halt auch so kleine Gruppen, Frauen für den Frieden. Ich hatte auch Freundinnen, wir sind dann auch nach Karlsruhe gefahren und bei den Demos mitgeladen.
Speaker0:
[9:51] Und von welchem Alter sprechen wir da jetzt, wo du angefangen hast, dich damit zu beschäftigen?
Speaker1:
[9:56] Naja... Also ich war 18, ich bin 61 geboren, so 61 und 17, 18, das rechne du aus, ich bin...
Speaker0:
[10:08] Ne, da habe ich auch keine Lust drauf.
Speaker1:
[10:12] Also es muss ja sein, als ich noch, ich bin ja 84 nach Berlin gegangen, es muss so zwischen 79 und 82 gewesen sein.
Speaker0:
[10:22] Okay, aber was war das für eine Stimmung sozusagen um diesen Paragraphen? Also mich interessiert nur, was dein persönlicher Blick da drauf war. Kannst du dich da noch dran erinnern?
Speaker1:
[10:35] Mein persönlicher Blick war schon, mein Bauch gehört mir und Frauen sollen selber über ihre Schwangerschaften und ihr Leben entscheiden. Ja, das war schon früh so und es ist heute auch noch so. Und dass es ein Unding ist, dass es halt Gesetze gibt. Und ich weiß noch, da gab es auch so kirchliche Gruppen, die dagegen waren. Die hatten dann, wenn man dann mit denen diskutiert hat, die hatten sogar so Embryos in so kleinen Flaschen oder Attrappen oder so. Es war furchtbar. Also die Gruppen gibt es ja heute auch noch.
Speaker0:
[11:17] Naja, klar. Du bist ja auch katholisch aufgewachsen, deswegen interessiert mich da natürlich auch, wie schafft man es von einem katholischen Aufwachsen zu, ich habe zumindest von außen gesehen, eine feministische Band in Berlin.
Speaker1:
[11:32] Dann erst recht, erst recht. Ich glaube, wenn man zu liberal aufwächst, dann spürt man halt nicht den großen Widerstand. Meine Eltern waren gläubig und ich war auch als Kind total engagiert in der katholischen Kirche und so. Wie bist du aufgewachsen?
Speaker0:
[11:49] Ich bin evangelisch aufgewachsen.
Speaker1:
[11:51] Evangelisch. Ja, uns trennen Welten. Also ich bin zwar ausgetreten endlich.
Speaker0:
[12:00] Ich auch.
Speaker1:
[12:00] Aber das Katholische verliert man ja nicht, die Prägung. Die bleibt ja immer da. Also dieses Missverhältnis von dem, was gepredigt wird und was der Pfarrer dann macht, das habe ich ja auch beschrieben im Buch. Also wenn man halt in den 60ern Kind und in den 70ern Jugendliche war, hat jeder, jeder Mann hat gedacht, er kann sein Körperbild kommentieren oder er kann dich auch angrabschen oder so. Und da waren natürlich die Pfarrer auch keine Ausnahme. Und gleichzeitig hast du dann gesehen, was die dann so verkündet sonntags in der Predigt. Also die Bigotterie und all das, das Verlogene, das sieht man da ziemlich schnell.
Speaker0:
[12:44] Die Bigotterie. Was heißt das nochmal?
Speaker1:
[12:46] Naja, dass man so tut, als ob man so wahnsinnig gläubig ist und in Wirklichkeit ganz andere Handlungen vornimmt oder ganz anders denkt.
Speaker0:
[12:56] Gibt es denn irgendwas, was du deinem jüngeren Ich jetzt im Nachhinein geraten hättest?
Speaker1:
[13:01] Ich war immer zu lange mit Männern zusammen und habe immer zu lange gebraucht, um mich zu trennen. und ich war immer so unglücklich und ich habe immer so Liebeskummer gehabt, so schlimm. Was will man da raten? Vielleicht musste man da auch durch. Ich weiß es nicht.
Speaker0:
[13:18] Ja, das ist eine gute Frage. Meistens kommt man ja aus Situationen entweder nur raus, wenn das Leiden wirklich so groß ist, dass es einfach nicht mehr geht.
Speaker1:
[13:27] Oder wenn die Freundinnen sagen, wir reden jetzt nicht mehr drüber. Wir haben es alles schon besprochen. Wir reden jetzt nicht mehr drüber. Das war bei mir dann oft der Punkt, wo ich dann gesagt habe, also wenn ich jetzt noch nicht mal mehr drüber reden kann, dann ist es Zeit, damit aufzuhören.
Speaker1:
[13:44] Ein Problem ist, das ist eine These, Frauen wollen halt eine super Beziehung haben zu einem Mann, der kein Arschloch ist und der sie nicht unterdrückt. Die wollen die Care-Arbeit gerecht aufteilen, die wollen auch im Beruf irgendwie gute Sachen machen und auch glücklich sein. Und meine pessimistische Einstellung ist, das funktioniert sowieso nicht alles auf einmal. Also es gibt immer Einschnitte. Und ich habe ja immer jahrelang, jahrzehntelang dafür gekämpft, dass die Liebe, dass die vermeintliche Liebe nicht mehr so einen großen Stellenwert für uns haben darf. Da sehe ich jetzt nicht so viel Erfolg. Also da sehe ich so ein bisschen, weiß ich nicht, wie das, junge Frauen neiden doch sehr zum Kitsch. Und glauben an die Romantik und an die Partnerschaft und an die Ehe. Viele, glaube ich, oder?
Speaker0:
[14:40] Ja, da waren die 90er ein schwieriges Umfeld, um da wirklich aussteigen zu können, glaube ich.
Speaker1:
[14:45] Aber die 90er sind doch schon lange vorbei. Wir sind doch in den 20ern wieder.
Speaker0:
[14:49] Ja, aber die haben ja die Frauen geprägt, die jetzt halt irgendwie die Familien gründen und die Kinder kriegen und sich immer noch darüber aufregen, dass alles irgendwie nicht so richtig passt und man doch nicht alles haben kann.
Speaker1:
[15:03] Ja, da hast du recht. Ich kenne vielleicht ein glückliches Paar in meinem Bekanntenkreis und es gehört bestimmt dazu, dass man auch ein Talent dafür haben muss, was ich nicht habe. Aber es ist auch ein Ehrtum, dass man das alles haben könnte.
Speaker0:
[15:20] Ja, ich könnte mir vorstellen, also jetzt zumindest aus Perspektive von einer jüngeren Frau, dass halt oft der Kinderwunsch so ein bisschen dazwischen steht. Also dass da einfach noch zu viele Hindernisse sind, das wirklich alleine, also gut alleine wuppen zu können. Oder dass die Strukturen da sehr gegen einen arbeiten.
Speaker1:
[15:37] Ja, da gibt es auch einen Backlash. Also ich bin ja, so in den 80ern fand ich das cool. Also da waren alleinerziehend, war fast besser als mit einem Freund. Und viele, die sich trennen, sagen ja auch, es ist jetzt leichter als vorher. Es ist leichter, alleine, wie gesagt, zu meistern, wie immer, sich mit niemandem absprechen, von dem ja doch nicht die Hilfe kommt, die sie erwarten. Aber es hat sich jetzt halt geändert in letzter Zeit, weil halt auch so Familienwerte und Zweisamkeit und Pärchentum und heiraten und so, weil das wieder einen anderen Stellenwert hat. Früher hat man das ja alles verachtet. Deswegen ist es schon schwierig, wie du sagst. Und der Kinderwunsch ist ja schön und gut. Ich habe auch ein Kind und zwei Enkelkinder, Das ist schon super und das kann das Leben auch reicher machen. Aber es muss nicht immer ein Mann noch dranhängen.
Speaker0:
[16:33] Ja, ich sehe das an sich auf jeden Fall auch so. Gleichzeitig in deinen Büchern habe ich immer so ein bisschen nach der Erzählung gesucht, wie das eigentlich war als junge Mutter. Weil die Eckdaten sind ja so ein bisschen, du bist früh, also mit 20, glaube ich.
Speaker1:
[16:47] Mit 20, ja.
Speaker0:
[16:48] Mit 20 Mutter geworden und bist ja dann auch relativ bald nach Berlin gezogen. Ja, ja. Ohne jetzt großartig da Verwandtschaft oder so.
Speaker1:
[16:56] Glaube ich, zu haben. Niemand.
Speaker0:
[16:58] Genau. Und also da war ich jetzt schon immer so ein bisschen, hä, also wie? Wie hast du das gemacht?
Speaker1:
[17:04] Ich weiß es selber heute nicht mehr. Also ich habe da auch nie so groß drüber geschrieben, weil ich auch die Geschichte und meine kleine Tochter damals auch nicht so ausschlachten wollte für mein Werk. Aber ich weiß es heute auch nicht. Also damals sind halt viele Leute nach Berlin gezogen, weil es damals ja auch noch die Männer nicht zur Bundeswehr eingezogen wurden, die Westdeutschen. Und es sind halt viele Jungs nach Berlin gezogen und dann sind auch viele Frauen nach Berlin gezogen. Ich kannte ein paar Leute flüchtig.
Speaker1:
[17:37] Und ich war ganz allein und in Berlin braucht man wahnsinnig lange. Das sagen auch Leute heute noch, um Freunde zu finden und so. Das war auch sehr schwer. Ich habe auch keine Unterstützung bekommen. Ich habe dann angefangen zu studieren. Ich hatte nur BAföG. Und für Studenten gab es dann noch Wohngeld, Kindergeld. Aber es war halt die große Befreiung, weil ich zum ersten Mal in alternativen Kinderlagen kam. Und ich habe mich halt, wo ich herkomme, immer als Außenseiterin gefühlt und in Berlin war es zum ersten Mal, also Kreuzberg, da waren alle Außenseiter und da war auch so eine große Hilfe da, so, kann mein Kind mal bei euch übernachten, klar und so, so wie ich das mitkriege, ist das ja heute gar nicht mehr so, also Leute wollen sich total versichern, oh Gott, hoffen wir, es ist für eine Familie, wo Annemarie übernachten will oder
Speaker1:
[18:35] Die sind halt auch so vorsichtig und auch wahnsinnig bürgerlich geworden. Aber früher war auch eine große Solidarität da. Ich bin auch auf Tour gegangen, ich habe die mal eine Woche bei den Nachbarn gelassen und so. Es war einfacher als heute, glaube ich. Schwerer, aber auch einfacher.
Speaker0:
[18:54] Aber was genau war schwerer, denkst du, als heute?
Speaker1:
[18:57] Also das Finanzielle, wenn man das jetzt heute erzählt, das ist ja so, wie wenn eine Trummerfrau vom Krieg erzählt oder sonst was. Aber es gab halt die Möglichkeit, du konntest entweder nur Sozialhilfe kriegen oder du hast nur 50 Mal Kindergeld bekommen. Es gab keine Elternzeit oder kein Elterngeld. Also finanziell war es sehr schlecht. Und die Betreuungsmöglichkeiten waren für mich irgendwie so ganz okay, weil ich wollte ja sowieso nicht normal arbeiten gehen oder so, aber ich konnte immer nur Seminare machen, die bis vier gehen und bin gerade noch so rechtzeitig zum Abholen gekommen. Oder wenn man halt so Musik machen wollte, das hatte halt niemand sonst ein Kind, weil ich ja so jung war.
Speaker1:
[19:45] Also ich war dann in Berlin 24 und die anderen waren halt auch zwischen 24 und 28. Wenn ich dann mal gesagt habe, können wir uns vielleicht so zwei Tage vorher ausmachen, ob wir proben oder so, weil dann kann ich das besser organisiert. Nee, wir machen das schon eher spontan. Also so war halt die Stimmung da. Also wenn die jetzt, hä, die hat ein Kind, man muss alleine damit zurechtkommen und heute ist schon wenigstens der Anspruch da, dass man auf Leute Rücksicht nimmt, wie sehr das dann tatsächlich ist, ist ja eine andere Frage. Und gleichzeitig, ich habe ja auch Freunde und Bekannte, die jetzt kleine Kinder haben, sind die Ansprüche viel größer. Was das Kind alles können muss und lernen muss und was man alles falsch machen kann und wie man sich auch richtig fühlt oder nicht fühlt und so. Es wird so viel Theater drum gemacht. Das war ja in den 80ern auch nicht so.
Speaker0:
[20:48] Da wurde dann Theater über was anderes gemacht, über andere.
Speaker1:
[20:53] Ja, Theater wurde immer gemacht.
Speaker0:
[20:56] Aber das ist ja eh gut, da nicht so den Fokus, also wahrscheinlich ist das ja auch das, was du vielleicht empfehlen würdest, da den Fokus einfach nicht so krass aufs Kind zu legen und eben auch andere Dinge zu tun zu haben.
Speaker1:
[21:08] Auf jeden Fall.
Speaker0:
[21:10] Und als du dann deine Band hattest, war das dann auch schon der Punkt, wo du dich als Feministin, also wo du dich Feministin genannt hast?
Speaker1:
[21:18] Ja, also wir wurden uns dann auch öfter gefragt. Oh, sehr, sehr ungewöhnlich. Drei Frauen in einer Band. Wir wurden immer als Girlgroup wahrgenommen, obwohl zwei Männer mitgespielt haben. Und es sind ja etwa Feministinnen und so. Und ich habe so, ja, irgendwie schon. Und die beiden anderen, nee. Aber jetzt, natürlich waren die das, von der Einstellung her. Aber das ist halt dieser schlechte Ruf, den der Feminismus damals hatte. Das war vor dem Pop-Feminismus. Das haben wir doch nicht nötig. Wir machen, was uns gefällt. Wir brauchen doch keinen Feminismus.
Speaker0:
[21:58] Also wir finden unsere eigenen Wege.
Speaker1:
[22:00] Ja, aber Feminismus war ja früher nicht glamorous oder so. Da waren halt so Feminismus, das war DGB. Oder halt so Frauen in der Gewerkschaft. Das war eine unglaublich spießige Angelegenheit. Das hat man doch nicht nötig als junge Frau, die eh macht, was sie will. Also das Bewusstsein dafür, dass es ganz viele Strukturen gibt, die Männer bevorzugen, dass es das Patriarchat gibt oder so. Das wurde halt, wurde damals nicht drüber geredet. Feminismus wurde auch unglaublich verächtlich gemacht. Frauen in lila Latzhosen und so. Und es war nicht cool, Feministin zu sein. Also so vielleicht von der Haltung her, das brauchen wir alles nicht. Wir sind sowieso emanzipiert, was ja nicht stimmt.
Speaker0:
[22:50] Und wie siehst du das heute?
Speaker1:
[22:52] Das hat ja eine Entwicklung gemacht. Also ich bin ja schon sehr alt. Ich spreche ja jetzt von 40 Jahren oder so. Also zuerst war Feminismus nicht cool und dann kam Popfeminismus, was ja auch alles gut ist, aber schließlich wurde, Feminismus sollte halt cool und glamourös sein und alle wollten auf einmal Feministinnen sein, sogar Feministinnen. Bis es gar nichts mehr bedeutet hat. Es gibt ja auch so ein Buch von der Autorin, das heißt Why I'm Not a Feminist. So weit würde ich nicht gehen, aber die sagt halt, Feminismus ist halt auch antikapitalistisch. Das, was queer sein eigentlich bedeutet. Und wenn jetzt alle feministisch sein wollen und das schwankt so hin und her. Also es ist sehr schwierig heute zu sagen, was Feminismus ist. Ich für mich selbst würde schon immer noch sagen, ich bin Feministin, aber nach meiner Definition.
Speaker0:
[23:49] Und was ist deine Definition?
Speaker1:
[23:51] Ja, das habe ich dafür geführt, dass jetzt die Frage kommt.
Speaker0:
[23:55] Das nervig, ne?
Speaker1:
[23:59] Also Emanzipation heißt ja eigentlich auch nur das Leben in die eigene Hand nehmen. Feminismus heißt ja eigentlich nur, dass man halt die gleichen Rechte für alle Menschen will. Also für mich heißt es aber auch nicht nur für Männer und Frauen, sondern ich finde es auch wichtig, Klassenverhältnisse zu thematisieren. Es gibt den First-World-Feminismus, der ganz anders ist. Also es gibt den intersektionalen Feminismus, der das alles mitdenkt, aber irgendwie widerspricht sich das alles nur. Vielleicht kann man so ganz runterbrechen, einfach darauf schauen, dass kein Mensch den anderen unterdrückt.
Speaker0:
[24:37] Ja, voll. Ich glaube auch, dass man sich darauf einigen kann.
Speaker0:
[24:41] Worauf man sich laut Christiane Rösinger auch einigen sollte, wäre die Diskriminierung wegzulassen, die ältere Menschen erfahren, weil sie nicht mehr jung sind. Ageism. Christiane Rösinger ist heute 65. Und in ihrem Buch The Joy of Aging wird natürlich viel angeprangert, aber auch die guten Seiten des Alters bekommen ihre Bühne. Aber wenn es auch zunehmend Einschränkungen und Schwächen gibt, wenn der arme Körper schon einiges mitmachen musste. Es ist mit 60 eigentlich nicht viel anders als mit 40 und 45. Das Denken hat sich nicht groß verändert. Und wenn, dann zum Positiven. Im Großen und Ganzen ist der Mensch mit 60 doch weniger unglücklich und unruhig als zuvor. Eher ausgeglichen und zufrieden. Na dann. Was dein Buch Joy of Aging viel bei mir ausgelöst hat, Und da war ich auch sehr dankbar für, die Angst, vom Älterwerden so ein bisschen mehr zu nehmen oder so.
Speaker1:
[25:42] Du musst dir auch noch keine Sorgen machen.
Speaker0:
[25:44] Mit ein bisschen mehr Gelassenheit entgegen zu blicken. Nee, weil ich fand es schon einen guten Hot Take, sage ich mal, zu sagen, ey, so diese Dystopie von wegen, dass wir dann alle in den Pflegeheimen abhängen und dann nur noch vor uns hinsiechen und so weiter. Du hast dir dann auch Zahlen gebracht, dass das eben nicht die Mehrheit betrifft. Also das fand ich schon super und letztendlich kommt ja aus dem Buch viel so ein, ja wird schon irgendwie alles werden und letztendlich ist Älterwerden auch vielleicht so eine Übung, so vom Positiven aus zu gehen, was ich auf jeden Fall eine gute Einstellung finde. Ich mache mir dann halt nur Gedanken darüber, naja, aber wenn ich irgendwie zugelassen bin, dann geht mir vielleicht auch ein bisschen die Energie verloren, halt was an den schlechten Zuständen irgendwie zu ändern, weißt du?
Speaker1:
[26:31] Also es ist ja erst mal ein Buch, es heißt ja Joy of Aging, das ist ja so ein Pseudo-Altersratgeber. Und ich habe jetzt keine direkten Forderungen gestellt, aber ich habe direkt auch die Themen benannt. Also ich habe dann benannt, wie viele Leute im Berlin arm sind, wie oft hier Mülltonnen durchsucht werden von Rentnern. Und ich habe auch benannt, dass in diesem Generationenkampf, der so ein bisschen herbeigeredet wird, wie es immer von den Kreuzfahrtrentnern die Rede ist, die das Geld und die Zukunft der Jungen verjuchsen, aber dass halt die Wirklichkeit auch anders aussieht und dass es auch eine Klassensache ist. Und ich habe ja auch in dem Buch geschrieben, wie alt sein auch dazu führen kann, dass man auch den inneren Punk wieder leben kann. Dass man sagt, ihr könnt mich mal, für euch bin ich sowieso nicht wichtig, als Frau nicht, weil ich bin ja angeblich zu alt und sowieso nicht sexy und nicht partnerschaftsfähig mehr. Und Männer interessieren sich nicht mehr für mich, ein Glück. Andererseits trage ich auch nichts zum Bruttosozialprodukt bei. Also kann ich machen, was ich will. Ich kann jetzt Punk sein. Ich muss keine Rücksicht mehr nehmen. Ich kann endlich machen, was ich will. Und die andere Sache ist halt, kann ich was verändern?
Speaker0:
[27:55] Letztendlich fand ich es auch schon revolutionär, die Rente eben als den Zeitraum oder das Zeitfenster zu betrachten, wo man ganz, ganz kreativ sein kann. Also das kommt, glaube ich, relativ früh in deinem Buch. Dass man eben wegkommt von diesem, jetzt ist man die ganze Zeit auf Kreuzfahrten, oder halt im Pflegeheim. Das scheinen ja so ein bisschen die Extreme zu sein.
Speaker1:
[28:18] Dazwischen gibt es nichts.
Speaker0:
[28:20] Oder also viele freuen sich ja auch einfach nur darauf, dann muss ich endlich nichts mehr machen. Nichts mehr muss ich tun. Man ist halt so, naja, aber ob das jetzt irgendwie, so froh macht, ist die Frage.
Speaker1:
[28:33] Es ist auch ein Unterschied, wie man gelebt hat. Und ich glaube, dass Leute, die halt so lange durchgearbeitet haben und so, die können sich auch einfach mal freuen, dass sie zu Hause bleiben können und nicht mehr arbeiten gehen müssen oder so.
Speaker0:
[28:45] Das stimmt.
Speaker1:
[28:46] Über die kann ich ja auch schlecht reden. Ich habe ja ein nicht besonders exemplarisches Leben geführt. Das ist auch in Ordnung, nicht kreativ zu sein und sich einfach auszuruhen und einen schönen Lebensabend zu haben und nicht bis 70 zu arbeiten. Also das ist ganz unterschiedlich. Aber weißt du, wenn du sagst, dass es dir ein bisschen die Angst genommen hat beim Alter, das freut mich total. Das ist doch schon mal sehr gut.
Speaker0:
[29:13] Ja, das ist gut.
Speaker0:
[29:18] Gibt es da jetzt noch irgendeinen Punkt, wo du sagst, da haben wir jetzt noch gar nicht drüber geredet, das fehlt ja total?
Speaker1:
[29:23] Dass Ageism halt die Diskriminierungsform ist, die ältere Leute am meisten betrifft. Also nicht nur Frauen, aber Frauen halt, also bei mir ist ja schon vorbei, ab 65 musst du dich ja nicht mehr mit auseinandersetzen. Aber ich treffe jetzt 35-Jährige, die schon sagen, ich habe so Angst vor der Perimenopause. Und halt dieses Lifestyle-Ding und diese Wechseljahres-Influencerinnen und so. Das macht mir schon ein bisschen Sorgen. Und wenn du dann älter bist, komischerweise verlieren so ganz alte Männer was von ihrer Schärfe und werden wieder so ein bisschen erträglicher, finde ich. Das finde ich ein interessantes Phänomen. So ab 70
Speaker1:
[30:13] Haben dann manche so diese scharfe Männlichkeit, dieses Toxische ein bisschen verloren und werden wieder liebenswürdiger. Das heißt jetzt nicht, dass ich mich auf einen einlassen will. Aber das finde ich jetzt halt interessant, dass man ja auch sowas wie eine Alterssolidarität hat. Ich habe dann schon manchmal so ein Gefühl von Solidarität auch zu älteren Männern, sofern sie nicht totale Arschlöcher sind. Das ist irgendwie so ein Thema. Die ältere Frau ist auch ärmer als der ältere Mann natürlich. Natürlich bekommt zumindest in Westdeutschland viel weniger Rente und ist viel mehr armutsgefährdet. Und das ist auch ein Thema, was mich interessiert.
Speaker0:
[31:02] Wo wir gerade über Geld sprechen, wenn dir diese Folge gefällt und du den Podcast finanziell unterstützen möchtest, check doch mal die Shownotes. Dort sind Links zu PayPal, die IBAN für Direktüberweisungen und mein Substack, bei dem du auch mein Newsletter abonnieren kannst, um keine Folge zu verpassen. Danke. Vor allem an die lieben Mäuse, die mich schon regelmäßig unterstützen. Danke, danke, danke. Was ich bei den Männern jetzt interessant finde, ist, in dem Buch hast du ja vor allem von der Andropause gesprochen und dass die die Männer so grießgrämig macht und so negativ und dass die dann voll stehen bleiben in ihren Ansichten und so weiter. Aber du sagst jetzt, ab 70 gibt es nochmal ein Change.
Speaker1:
[31:42] Das Selzimmer habe ich so beobachtet bei Veranstaltungen, dass es kommt halt darauf an, wer vorher so ein brummeliger alter Mann war, der wird jetzt nicht plötzlich anders mit 70. Aber es gibt dann so ab 70 so eine neue Weichheit und weniger Bestimmer. Das ist dann, wenn die Altersschwäche schon so langsam kommt. Auch eine Freundlichkeit oder so eine Abgeklärtheit. immerhin.
Speaker0:
[32:12] Ja, spannend. Ich fand es auch einen ziemlich guten Take zu sagen. Wir haben jetzt eigentlich auch schon wieder genug über Menopause und so weiter gesprochen, weil mir ist das natürlich auch aufgefallen. Also vor einem Jahr habe ich von Miranda July auf allen Vieren gelesen. Meinst du den eigentlich, den Roman?
Speaker1:
[32:28] Ja, ja, ja. Ich habe ihn aber nur so drin rumgeblättert, ehrlich gesagt. Aber ich habe mehrere Zusammenhänge gelesen. Das ist ja furchtbar. Da hast du dann Angst gekriegt.
Speaker0:
[32:40] Also... Schon?
Speaker1:
[32:43] Ja, aber vergiss es. Also ich habe, wie gesagt, ich habe in München eine 34-Jährige Journalistin getroffen, die ein Interview mit mir gemacht hat. Die hatte auch schon Angst. Und das ist halt echt Quatsch und das ist so pseudoaufklärend. Wie weit geht es noch? Alles ist problematisch. Das ganze Frauenleben ist problematisch. Kindheit, Jugend, PMS, Tage haben. Es ist ja so toll an den Wechseljahren, wenn man die Tage nicht mehr bekommt, dass es so eine Erleichterung ist, wie toll das ist. Davon redet dann keiner. Alles wird problematisiert. Die Wechseljahre fangen sie vielleicht mit 50 an. Ja, viel zu spät. Es gibt ja die Perimenopause. Aber bei manchen fängt es ja schon mit 35 an. Und alles wird zum Problem gemacht. Wobei, wie ich es ja auch sage, wer wirklich arge Beschwerden hat, der soll ja auch nicht leiden, der soll sich halt behandeln lassen. Dafür gibt es ja auch die ganzen Sachen. Es ist auch gut, dass es sie gibt. Aber es wird ja aus allem so ein großes Geschäft gemacht und alles wird so problematisiert dagegen. Das prangere ich an.
Speaker0:
[33:51] Ja, das verstehe ich auch. Ich verstehe nur, also wenn man es als Erklärung für etwas findet, wo man vorher dachte, es liegt an einem selbst, also so von wegen, man ist einfach nur, zu depressiv, zu dumm, zu was auch immer, um irgendwie sein Leben zu leben und dann merkt man irgendwie, ach so, na ja, es liegt halt an den Hormonen oder was auch immer man sich dann da erklären kann.
Speaker1:
[34:13] Naja, aber es liegt auch nicht alles an den Hormonen. Das Leben ist halt auch so schwierig und nicht einfach. Ab und zu kriegst du einen auf den Deckel. Und wenn es dir mal ein paar Tage oder eine Woche nicht gut geht und du durchhängst, bist du auch nicht gleich depressiv. Sag ich als Psychologe. Ich bin keine Psychologin. Und auch manchmal denke ich, es geht so die Fähigkeit verloren, Auch mit kleinen Krisen einfach fertig zu werden, weil das Leben ist halt nicht immer schön. Das ist auch manchmal schwierig, du hast manchmal saure Bocken.
Speaker0:
[34:48] Ja, und vielleicht kann man ja die Erleichterung eher darin finden, dass es halt allen so geht. Also dass halt für alle das Leben nicht immer easy ist, oder?
Speaker1:
[35:00] Ja, das muss man sich aber auch mal eingestehen. Ja, weißt du? Das Leben ist halt so.
Speaker1:
[35:05] Ja. Und wir müssen uns da nicht reinsteigen.
Speaker0:
[35:08] Ich würde mal ein kleines Experiment mit dir wagen. Und zwar habe ich so ein kleines Spiel. Das heißt das letzte Mal. Und ich sage sozusagen immer den Satz anfangen und du kannst es gerne ergänzen. Es geht los. Das letzte Mal wütende Feministin war ich.
Speaker1:
[35:27] Manchmal, wenn ich so Doomscrolling mache und dann sehe, dass irgendein Politiker gesagt hat, Carework ist eigentlich keine Arbeit, das macht man die Frau gerne. Oder wenn es immer mehr männliche Maispolitiker gibt, hier aber auch in Österreich oder so, die wahnsinnig vorsintflutliche Menschen. Die Einstellungen haben oder wenn die einfach versuchen, den Feminismus wieder rumzudrehen und wieder Rollenbilder von früher aufleben zu lassen.
Speaker0:
[36:02] Es ist dann so ein bisschen dieses I can't believe I'm still protesting for this shit, dieses Thema.
Speaker1:
[36:09] Ja, aber das ist eh sowas, wo ich manchmal denke, ich freue mich über jede Feministin, über jede junge Frau, die sagt, dass sie Feministin ist, aber manchmal lese ich dann die Bücher und das kann doch nicht sein. Wir reden ja genau das Gleiche um, das geht es ja schon seit 50 Jahren. Es gibt ja auch keinen Fortschritt, nur so als Randbemerkung.
Speaker0:
[36:32] Naja, auf jeden Fall. Gleichzeitig vielleicht gab es ja ein letztes Mal, wo du eine persönliche oder gesellschaftliche Errungenschaft gefeiert hast.
Speaker1:
[36:42] Also persönliche Errungenschaft ist für mich auch, dass das Buch gut ankam und dass ich dann doch so lange durchgehalten habe. Das finde ich ganz gut. Also ich bin seit 65, mache jetzt so irgendwas, Bücher oder Schreiben oder Musik oder Theater, seit ich 28 bin oder 27. Und das finde ich im Rückblick schon ganz gut. Auch wenn es sich nicht in Reichtum und Eigentumswohnungen ausgesählt hat. Eine gesellschaftliche Errungenschaft, da müsste ich echt länger drüber nachdenken. Da fällt mir jetzt spontan nur so Backlash-Sachen ein. Gab es denn irgendwas Gutes?
Speaker0:
[37:23] Naja, man muss schon genau hingucken, glaube ich. Jetzt gerade ist es, glaube ich, schwierig.
Speaker1:
[37:28] Jetzt ist es gerade schwierig.
Speaker0:
[37:31] Da würde mich interessieren, was jetzt die persönlichen Errungenschaften angeht. Hattest du das auch, dass du lange da auch eine eher defizitäre Betrachtung drauf hattest? Also so von wegen, ach Mann, warum erbe ich denn nichts und so weiter? Und konntest du das umdrehen? Also bist du jetzt irgendwie okay damit, wie es jetzt halt ist oder wie ist die Lage da?
Speaker1:
[37:54] Also okay damit bin ich noch lange nicht, das rincht mich total auf. Also ich mache ja auch Theaterstücke, da geht es ja auch drum. Das ist einfach ungerecht und es geht nicht um das Haus der Eltern, um die Hüte der Oma oder so, sondern es geht um die großen Erben und Das wissen halt die Leute nicht, dass in Deutschland die Arbeit sehr hoch besteuert wird und Erbe und Geldgewinne durch Aktiengeschäfte und so weiter sehr niedrig besteuert werden. Das regt mich jetzt auch ab. Ich hatte mir auch immer gewünscht, dass ich mal von Musik leben kann. Ich hätte mir gewünscht, dass die Band so groß ist. Das ging dann nicht, weil wir uns zu früh aufgelöst haben und die nächste Band, Britta, war dann auch nicht so erfolgreich. Ich hatte mir lange Jahre gewünscht, von der Musik leben zu können. Einerseits, aber ich bin jetzt auch okay damit, weil ich dadurch angefangen habe, mehr zu schreiben.
Speaker1:
[38:49] Ich habe gedacht, durch Journalismus kann man ja hier Geld verdienen. Oder durch Schreiben kann man Geld verdienen. Aber irgendwie habe ich es halt geschafft und ich habe dann auch mein letzter Job, Es war dann Deutsch für Geflüchtete als Dozentin in den Integrationskursen. Das hat mir persönlich wirklich viel gebracht und nochmal so die Augen geöffnet, dass Leute auch ganz anders leben als wir. Von daher bin ich da auch okay damit, mit dem fehlenden großen Erfolg. Und was das Erben und so angeht, nö. Also damit bin ich auch überhaupt nicht okay. und ja, doch weiterkämpfen oder was heißt kämpfen, das ist so ein großes Wort, aber einfach die Parteien wählen, die das ändern wollen.
Speaker0:
[39:36] Ja, das letzte Mal nach außen extra stark war ich.
Speaker1:
[39:42] Extra stark, vielleicht so in Verhandlungen mit dem Theater, weil in Berlin gibt es ja auch viele Kürzungen gerade und die sind ja auch existenzbetreffend und da muss man nach außen hin schon extra stark sein. Auch nach innen, um nicht zu denken, jetzt ist alles vorbei und es ist alles sinnlos und so. Und auch gestärkt in Verhandlungen gehen.
Speaker0:
[40:08] Und wie machst du das?
Speaker1:
[40:10] Zusammenreisen? Sich sagen, jammern hat keinen Sinn, es wird schon irgendwie gut gehen. Mache ich halt was anderes? Schade. Also sich nicht reinsteigern, es ist noch alles offen. Also so. Das sind ja auch Übungen, letztendlich.
Speaker0:
[40:31] Ja, und letztendlich hast du ja auch schon oft erfahren, dass es immer weiter geht, ne?
Speaker1:
[40:35] Ja, warum soll es jetzt gegen Ende aufhören? Naja, irgendwann hört es vielleicht auf, oder? Ja.
Speaker0:
[40:43] Dann noch das letzte Mal so ein Gefühl von Bande, also ein Bandengefühl hatte ich.
Speaker1:
[40:52] Das hatte man früher mit der Band, Bande ganz oft. Und lustigerweise sage ich das jetzt auch immer bei meinen Lesungen. Ich erzähle dann immer, dass es ja jetzt so Influencerinnen gibt, Book-Influencerinnen, also einfach Autorinnen, die halt über ihre Lesereise schreiben, oh, ich war auf Lesereise, oh, verrückt, was da passiert. Und ich sage, Lesereise, guten, schön. Aber mit einer Band ist es halt ganz anders. Da fühlt man sich halt so als kriminelle Vereinigung praktisch. Aber als Bande fühle ich mich auch mit meiner Gruppe im Theater. Also ich habe ja vier Theaterstücke gemacht und habe jetzt so eine, wir nennen uns die Cats, Das sind nur unsere Anfangspunktstaben. Aber da fühle ich mich auch wie so eine Gruppe, wie so eine Bande.
Speaker0:
[41:40] Cool. Und was macht das aus? Also wie entsteht dieses Bandengefühl?
Speaker1:
[41:46] Also erstens mal ist es durch Arbeit an sich, durch die Zeit, die man zusammen verbringt. Dann aber auch durch Schwierigkeiten, die man zusammen meistert, aber auch Erfolge. Aber auch so, dass die anderen so ein bisschen misstrauisch sind und einem neugierig beäugen und sagen, was seid denn ihr für eine Gruppe? Was seid denn ihr für welche? Ah ja, ah ja.
Speaker0:
[42:12] Okay, dann habe ich jetzt die letzte Frage, was dieses das letzte Mal Ding angeht. Und zwar das letzte Mal, dass ich bewusst Raum eingenommen oder gegeben habe.
Speaker1:
[42:21] War. Also ich habe oft, das heißt oft, ich habe manchmal so Sitzungen mit Theaterleuten und für mich ist das auch eine andere Welt ein bisschen, weil teilweise sind das auch Kuratoren oder Leute, die im Büro sind und so und dann Ich kann jetzt auch nicht immer so tun. Ich bin so die Außenseiterin. Ich halte mich nicht an die Regeln. Ich denke, ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist, sondern ich gehe jetzt rein mit einer Haltung und mit einer Forderung vielleicht.
Speaker1:
[43:04] So kann ich es beschreiben.
Speaker0:
[43:06] Und dieses anderen Raum geben, ist das für dich eine bewusste Praxis?
Speaker1:
[43:12] Ja, also zum Beispiel im Theater muss man das machen. Also ich schreibe ja die Stücke selber für Regie und spiele selber mit. Und manchmal sucht man sich auch Leute aus, die das erstmal nicht so gut rüberbringen, wie man das gerne hätte. Oder man bildet sich ein, man könnte es selber besser oder so. Und da ist es dann auch wichtig, einen Schritt zurückzutreten und die Leute mal probieren zu lassen und die mal reden zu lassen. Außerdem merke ich manchmal, dass ich bei manchen Themen auch so dominant bin oder so, dass es auch gut ist, mal still zu sein und die anderen mal reden zu lassen. Also auch Leute, die schüchterner sind wie ich, aber das muss ich mir schon immer extra sagen.
Speaker0:
[43:55] Ja, das kann ich verstehen. Was würdest du denn sagen, ist gerade so die größte Herausforderung in vor allem feministischen Kämpfen? Also wo siehst du einfach so das Thema?
Speaker1:
[44:08] Erstens mal gucken, dass nicht alles rückwärts geschraubt wird, dass der Backlash nicht kommt.
Speaker0:
[44:15] Ja, das ist ja irgendwie auch schon eine Aussage, jetzt vor allem auf diesen Backlash zu gucken. Ich kann das total gut nachvollziehen, weil das einfach so präsent ist und weil man irgendwie so denkt, oh Gott, lieber jetzt wenigstens alles erstmal so beibehalten, wie es ist und nicht schlimmer werden lassen. Und gleichzeitig ist das ja auch tragisch irgendwo, weil dann wird es halt in 50 Jahren wieder so sein, dass wir Bücher lesen, wo wir so denken, hä, so stand doch vor 50 Jahren auch schon so drin.
Speaker1:
[44:44] Es gab mal eine Zeit so um 2020 rum, ich weiß auch nicht, da dachte ich echt, das geht jetzt immer nur vorwärts, also Patriarchat, es geht langsam vorwärts, aber Patriarchat wird besiegt, langsam, aber stetig bekommen immer mehr Frauen, die Position wo sie was zu sagen haben und die alten Männer sterben. Und auch die Mietenfrage, die mich sehr beschäftigt, das ist jetzt keine feministische, aber da war halt in Berlin.
Speaker0:
[45:13] Doch, würde ich schon sagen.
Speaker1:
[45:15] Auch, aber keine pure Feministische. Da waren halt in Berlin 40.000 bei den Mietendemos, da waren über 50 Prozent der Berliner für Enteignung, für Gesellschaftung. Und da habe ich gedacht, das ist der Fortschritt. Das geht jetzt immer so weiter und auch aus feministischer Sicht. Also wenn man das auch vergleicht mit früher, hatte ich es in meiner Zeit als Musikerin bei den Lässi-Singers, ich hatte es nur mit Männern zu tun. Mit Männern, die damals älter waren wie ich und die uns äußerlich beurteilt haben, die dumme Witze gemacht haben. Und ich war auch zu den guten Sachen nie eingeladen, so Gesprächsrunden oder so. Also es ist niemand aufgefallen, dass es nur Männer waren. Und das hat sich schon wahnsinnig positiv entwickelt. Und dass das nicht rückwärts geht, sondern weiter vorwärts, das finde ich halt wichtig.
Speaker0:
[46:11] Und würdest du sagen, das war so eine Entwicklung von außen, also dass du dann auch langsam zu diesen coolen Sachen eingeladen wurdest oder würdest du sagen, du hast da auch was gedreht oder es ist irgendwie beides?
Speaker1:
[46:23] Das ist beides, weil am Anfang waren dann die Sachen, was, ich bin da eingeladen, ich habe gar nichts zu sagen. Ich bin ja gar keine Spezialistin und so. Und dann hat auch eine Freundin, glaube ich, gesagt, ja, spinnst du, meinst du, der und der, der Typ, haben mehr zu sagen wie du? Das war so Pop-Themen, fing das halt mal so an. Pop-Panels. Und dann habe ich gemerkt, die anderen kochen halt auch nur mit Wasser. Und manchmal war ich auch so als Feigenblatt eingeladen. Das waren dann lauter Pop-Spezialisten und ich kam mal halt aus der Praxis und die einzige Frau. Aber egal, ich bin dann auch immer hin und dann bekommt man noch mehr Selbstbewusstsein. Und jetzt würde ich mich, wenn ich eingeladen werde, dann werde ich eingeladen. Und wenn das Geld stimmt, dann gehe ich auch hin, wenn das Thema stimmt.
Speaker0:
[47:14] Ja, voll gut. Und wir haben ja jetzt schon oft angesprochen, es ist alles nicht so einfach.
Speaker0:
[47:20] Krisen, Krisen, Krisen. Was würdest du denn sagen, wie du motiviert bleibst, so dran zu bleiben, weiter zu kämpfen?
Speaker1:
[47:28] Also im Moment bin ich ein bisschen demotiviert. Ich habe gehofft, dass in Berlin die Regierung abgelöst wird. Also auch die Linke mit dem Antisemitismus und allem. Es ist alles so schwierig und geht alles nach hinten los. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt, die AfD, der Krieg, oh Gott, ich will gar nicht anfangen. Es gibt jetzt wenige Motivierendes.
Speaker0:
[47:57] Ich würde bei diesem Tiefpunkt kurz bleiben wollen. Und zwar, wir schaffen es dann auch wieder raus, keine Sorge. Aber ich mache ja diese Gesprächsreihe mit verschiedenen Feministinnen und die letzte, mit der ich gesprochen hatte, war Jacinta Nandi, auch eine Autorin. Die ist Britin, wohnt aber in Berlin. Und ich habe sie einfach gefragt, was sozusagen ihre Frage an meine nächste Gästin ist. Und die würde ich dir einfach mal kurz abspielen. Aber es ist halt auch relativ harter Tobak, deswegen werde ich es jetzt einfach mal anschließen.
Speaker1:
[48:31] Was sollen wir für die Zukunft tun, um gegen diese Akzeptierungen von Vergewaltigung und Vergewaltigungskultur zu bekämpfen? Ja, das ist harter Tobak, aber auch ein guter Punkt, wo wir noch gar nicht drüber gesprochen haben. Also ich schreibe gerade ein Stück fürs Theater in Ulm und da geht es eigentlich um die Ehebrecherinnen. Also Effi Priest, Anna Karenina und Emma Boberi. Zwei haben Selbstmord begangen. Die eine hat Lungenschwindsucht, aber letztendlich auch sich umgebracht. Und da geht es auch so darum, warum müssen so viele Frauen sterben, immer, in der Literatur, schon immer, Krimi, in der Popkultur und jedes Jahr werden ja in Deutschland, glaube ich, 300 Frauen umgebracht. Und was können wir dagegen machen? Es gibt erstmal Gesetze mit dieser Fußfessel, wurde ja jetzt geschlossen, dass gewalttätige Männer, die zum ersten Mal verurteilt sind, dass die halt so eine Fußfessel bekommen. Dadurch kann es vielleicht verhindert werden, dass sie sich den Frauen überhaupt nähern, aber es ist schon ein Armutszeugnis.
Speaker1:
[49:49] Ich weiß nicht, ob härtere Gesetze was bringen. Es hängt halt viel mit der Achtung vor Frauen zusammen und mit der Missachtung. Und da muss man eigentlich immer weiter arbeiten, immer weiter dagegen vorgehen und bis ein Bewusstsein entsteht. Also das ist halt schrecklich. Also zum Beispiel der Fall Ulmen,
Speaker1:
[50:13] Das kam dann eben raus, da gab es viel Solidarität für die Frau, aber ich habe dann auch teilweise die Kommentare gelesen, Rolling Stone oder Rolling Stone war noch das fortschrittlichste Blatt. Mitleid mit dem Mann, ja, Mitleid mit dem also ist ja nicht bewiesen, aber ja, Mitleid mit dem Tatverdächtigen und die Frau wird halt total niedergemacht. Und so ist es ganz oft, auch bei Politikerinnen oder so. Eine Frau, die in der Öffentlichkeit steht, die wird mit so viel Hass oft überzogen und so, wenn sie es halt wagt, sich irgendwie den Mund aufzumachen und was zu kritisieren. Und das ist echt schrecklich. Und ich weiß auch nicht richtig, was man dagegen machen soll. Also ich antworte auch nicht auf 800 Kommentare. Jeder Depp kann was schreiben und kann Morddrohungen und sowas loswerden. Also es ist furchtbar. Und ich weiß es auch nicht, was man richtig dagegen machen kann.
Speaker0:
[51:19] Ja, weil es sich ja auch einfach als so krass in der Kultur verankert anfühlt.
Speaker1:
[51:25] Ja, also ich arbeite ja gerade daran und ich gucke mir das so an. In der Literatur, im Film, auch in der Musik, tote Frauen, super Thema. Ja.
Speaker0:
[51:41] Was wäre denn eine Frage, die du für meine nächste Gästin hättest?
Speaker1:
[51:45] Oje, oje, oje, das habe ich befürchtet. Was denkst du, wenn ein Mann von sich sagt, er wäre Feminist?
Speaker0:
[51:56] Gute Frage. Sehr, sehr gute Frage. Das ist nämlich was, das hat sich bei mir ganz stark gewandelt, würde ich sagen.
Speaker1:
[52:05] Mir ist er erst mal verdächtig. Aber vielleicht ist es auch falsch, ich weiß es nicht.
Speaker0:
[52:12] Also ich würde sagen, als ich so angefangen habe, mich mit Feminismen zu beschäftigen, dann wäre ich glaube ich eher so, also da ist es mir nicht passiert, nicht wirklich, dass Männer das von sich gesagt haben. Aber ich glaube, da wäre ich so froh gewesen und so von wegen, wow, cool, ein Verbündeter und toll und ach, es gibt noch Hoffnung und so weiter. Genau, und mittlerweile wurde man einfach so oft enttäuscht von Männern, die das so als Label vor sich her tragen, dass man jetzt so wäre, mh, sicher.
Speaker1:
[52:40] Performativer, Feminismus. Also, wo ich so ein bisschen Hoffnung habe, ich habe zwei Enkel, männliche Enkel. Und der eine ist jetzt 16. Und da sehe ich schon ein anderes Bewusstsein.
Speaker0:
[52:54] Was meinst du damit? Also, was ist anders?
Speaker1:
[52:56] Dass sie sich nicht so machohaft verhalten zum Beispiel. Manchmal machen sie so Partys und da sind oft Mädchen dabei. Dann frage ich halt so, Oma, du bist so altmodisch. Also da stehe ich schon so als die alte Oma da, die ja dann so denkt, Jungs und Mädchen können nicht befreundet sein.
Speaker0:
[53:22] Und wenn wir schon ein bisschen bei dem, was besser wird, sind und vielleicht auch in Richtung feministische Vision, was würdest du denn sagen, wofür ist es nie zu spät?
Speaker1:
[53:31] Also es ist nicht zu spät daran zu glauben, dass es besser wird, dass es besser werden kann. Also es sieht gerade total scheiße aus, aber wir sind halt nicht verloren. Es gibt nicht nur AfD-Jugendliche, es gibt auch eine andere Generation von jüngeren Männern, die keine Arschlöcher sind. Vielleicht sterben verschiedene Verhaltensweisen, die uns immer niedrig gehalten haben, aus.
Speaker0:
[53:59] Ja, das könnte ja auch sein. Wie Christiane Rösinger in ihrem Buch schreibt, erfolgreich altern heißt, einfach mal vom Positiven auszugehen. Das lässt sich ja auf so einige Lebensbereiche übertragen. Danke an Christiane Rösinger für ihre Zeit. Als Alterspunk könnte sie schließlich durchaus was anderes tun und lassen. Lies du mal in ihren Nicht-Alters-Ratgeber The Joy of Aging rein. Ich fand es jedenfalls super, wie gesagt, sogar sehr beruhigend und hatte dazu noch Spaß. Und Christianes Absage an die RZB, also die romantische Zweierbeziehung, kannst du in Langform in ihrem Buch Liebe wird oft überbewertet lesen und wie alles begann und weiterging, das Leben auf dem Dorf und das Leben in Westberlin, das kannst du in der Zitat heiteren Prekarisierungserzählung namens Das schöne Leben, das ist Christianes erster Roman, nachlesen. Wenn du Feedback geben möchtest, dann schreib mir gerne an Feminismus mit Vorsatz at gmail.com oder per Nachricht bei Instagram. Bei Spotify kannst du natürlich auch kommentieren, den Podcast bewerten, das geht auch bei Apple Podcast und ansonsten verbleibe ich wie immer mit feministisch vorsätzlichen Grüßen. Tschüss!