Folge 60: Gemeinsam stärker - Was Gewerkschaft mit dir zu tun hat
Streiks habe ich lange vor allem als Störung wahrgenommen. Die Bahn fährt nicht, im Radio geht es ständig um „Tarifverhandlungen“. Gewerkschaftsmitglied bin ich trotzdem - so aus praktischen Gründen.
Nun verschiebt sich gesellschaftlich vieles nach rechts, und ich frage mich: Was kann dem noch etwas entgegensetzen? Vielleicht ist unsere größte Gemeinsamkeit ja doch, dass wir arbeiten (müssen) – und wenn wir uns darüber zusammenschließen, entsteht ziemlich viel Macht. Genau darin haben Gewerkschaften ziemlich viel Erfahrung.
Wie aus Einzelnen viele werden, das habe ich mit Gisela Neunhöffer, Dana Lützkendorf und Franziska Aurich besprochen. Was können Gewerkschaften? Was können sie nicht? Und was können feministische Bewegungen von ihnen lernen?
Es geht um Freitagabende am Verhandlungstisch, um Gegenmacht und um die Frage, wie feministisch Gewerkschaften sind.
Das ist der erste Teil der Doppelfolge. Im zweiten Teil erzähle ich die Geschichte von Agnieszka Jastrzębska, die 48 Tage gestreikt hat - und deren Leben sich weit über ihren Job hinaus verändert hat.
Diese Folge ist in Kooperation mit der Gewerkschaft ver.di entstanden.
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Shownotes:
Hintergründe zum Arbeitszeitgesetz und zur Debatte um den 8-Stunden-Tag
Feminismus mit Vorsatz Folge über den Globalen Frauen*Generaltreik 2026
Globaler Frauen*Streik 2026: Enough!
Gewerkschaftsähnliche Liga für unbezahlte Arbeit
1000Dank an Gisela Neunhöffer, Dana Lützkendorf und Franziska Aurich, Agnieszka Jastrzębska, Kilian Weißer und an alle Sprachnachrichtler*innen!
Musik von slip.stream
Coverdesign: Svenja Limke
Titelmusik: Louis Schwadron
Transkript
Die Folge als Text!
Bitte beachte: Das Transkript wurde automatisch mit Auphonic erstellt und ist nicht perfekt.
Speaker1:
[0:00] Diese Folge ist eine Kooperation mit der Gewerkschaft ver.di.
Speaker1:
[0:26] Das ist Feminismus mit Vorsatz, der Podcast rund um feministische Perspektiven mit mir, Laura.
Speaker1:
[0:33] Streichs habe ich lange vor allem als Störung wahrgenommen. Die Bahn fährt nicht, in Krankenhäusern läuft der Notbetrieb, Menschen in Warnwesten und Trillerpfeifen, im Radio ist ständig die Rede von Tarifverhandlungen. Wem genau das nützt, hat mich ehrlich gesagt lange nicht interessiert. Gleichzeitig bin ich selbst seit ein paar Jahren Gewerkschaftsmitglied. Ich dachte mir, kann ja immer sein, dass ich mal Stress mit meinem Arbeitgeber bekomme. Und dann ist bestimmt gut, sich bei der Gewerkschaft beraten zu lassen. Eine Rechtsschutzversicherung gibt es obendrauf. Warum nicht? Was Gewerkschaften sonst so machen? Keine Ahnung. Doch während sich gesellschaftlich ziemlich viel nach rechts verschiebt, stelle ich mir immer öfter die verzweifelte Frage, was kann dem eigentlich noch was entgegensetzen? Die AfD gewinnt weiter an Zuspruch und Macht und Bundeskanzler Friedrich Merz hat nichts Besseres zu tun, als darüber zu reden, dass in Deutschland zu wenig gearbeitet wird und zu viel krank gemacht wird.
Speaker1:
[1:26] Bei der Recherche für diese Folge ist mir aufgefallen, ich mache seit Jahren diesen feministischen Podcast, aber über Lohnarbeit habe ich erstaunlich wenig gesprochen. Dabei haben die meisten von uns etwas ziemlich Grundsätzliches gemeinsam. Wir müssen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Und neben dieser bezahlten Arbeit wird jeden Tag jede Menge Arbeit gemacht, für die niemand bezahlt wird. Kinder versorgen, Angehörige pflegen, Haushalt machen.
Speaker1:
[1:53] Die Philosophin Nancy Fraser schlägt deshalb vor, Feminismus und Antirassismus auch als Arbeiterbewegung zu verstehen. Also nicht immer nur getrennt zu kämpfen, so von wegen, ja, die Frauen hier, von Rassismus Betroffene dort, ArbeiterInnen nochmal ganz woanders, sondern zu fragen, was haben diese Kämpfe miteinander zu tun? Denn wenn sich sehr viele Menschen über ihre Arbeit zusammenschließen, entsteht schon ziemlich viel Macht. Ja, und wer versucht, seit ziemlich langer Zeit Menschen genau an diesem Punkt zusammenzubringen? Naja, da lande ich dann doch wieder bei den Menschen in Warnwesten und Trillerpfeifen.
Speaker1:
[2:28] Ich habe vier ausführliche Gespräche mit Frauen aus dem Verdi-Umfeld geführt, mit Beschäftigten, Aktiven und Hauptamtlichen und wollte wissen, was können Gewerkschaften eigentlich? Und was können sie nicht? Und was könnten feministische Bewegungen vielleicht von ihnen lernen? In diesem ersten Teil der Doppelfolge geht es also erstmal grundsätzlicher darum, wie Gewerkschaften funktionieren. In der zweiten Folge wird es dann sehr konkret, denn dann erzähle ich die Geschichte von Agnieszka Jastrzemska, die in einer Großküche der Charité-Tochter CFM arbeitet und 2025 48 Tage lang gestreikt hat und deren Leben sich durch diesen Arbeitskampf weit über ihren Job hinaus verändert hat. Eine weitere Person, mit der ich gesprochen habe, ist Franziska Aurich, Franzi. Sie ist Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Berliner Charité und inzwischen ziemlich tief drin in der Gewerkschaft. Personalrat, Tarifkommission, verschiedene Verdi-Gremien. Aber natürlich war das nicht immer so.
Speaker0:
[3:27] Genau, also es war, glaube ich, vor allem mein damaliger Jugendsekretär, also hauptamtlicher Kollege von Verdi. Und der war dann immer mal wieder bei unseren Sitzungen mit dabei und hat dann immer wieder sehr forsch gesagt, jetzt seid doch mal auch Teil von der Gewerkschaft, das ist total wichtig, wenn ihr gewinnen wollt, dann müsst ihr mehr sein und dann kommt es auch auf dich an. Und in der Gewerkschaft zu sein, das macht total viel Sinn, weil dann bekommst du, wenn du streikst, Streikgeld. Und ich bin Auszubildender, kriege ich eigentlich so viel Geld irgendwie, dass ich da verliere an dem Tag. Und dann dafür immer ein Prozent von meinem Monatsgehalt zu bezahlen, das ist schon auch viel in der Ausbildung. Und es war dann, glaube ich, immer dieses, ich wusste immer, wenn er kommt, dann ist das auf jeden Fall Teil vom Gespräch. Und dann habe ich mich zum Teil manchmal so gefühlt, als ob man mir irgendwie, keine Ahnung, irgendwas andrehen will, irgendeine Versicherung oder wie so die Leute, die in so Dialogwerbung irgendwo in der Einkaufsstraße stehen. Ich habe irgendwie so diesen persönlichen Bezug zu mir. Nicht so richtig gemerkt und deswegen war ich da am Anfang auch noch ziemlich abwehrend. Vor allem, weil ich glaube, ich will schon genau wissen, wofür ich mein Geld ausgebe und nur weil jemand irgendwie mich zu oft fragt, nicht irgendwie einen Teil von dem Geld, was ich eigentlich auch zum Leben brauche, mit dafür verwenden.
Speaker1:
[4:50] Ja, kann ich nachvollziehen. Ehrlich gesagt klingt Franzis damaliger Blick auf Gewerkschaft meinem ziemlich ähnlich. Ich zahle jeden Monat Geld und dafür bekomme ich im Zweifelsfall eine Dienstleistung. Rechtsschutz, Beratung, Streikgeld. Aber wenn das alles wäre, wäre eine Gewerkschaft ja im Grunde nur eine etwas politischere Versicherung. Und anscheinend soll sie sehr viel mehr sein.
Speaker0:
[5:13] Ich glaube, für viele ist Gewerkschaft einfach Drillerpfeifen und Bahnwesten und diese Müllsackartigen Regencapes, mit denen man dann vor dem Werkstor steht.
Speaker0:
[5:23] Und das war es dann. Und viel von der anderen Arbeit wird gar nicht gesehen.
Speaker1:
[5:27] Dana Lützgendorf, die wir später noch ausführlicher kennenlernen, ist 2011 in die Gewerkschaft eingetreten und sollte so ziemlich gleich für ihren ersten Streik zur Streikleitung geschult werden.
Speaker2:
[5:39] Ich bin ein bisschen später gekommen, weil ich Frühdienst hatte oder Dachdienst, das weiß ich jetzt nicht mehr so genau. Und komme dann so in einem Raum rein, wo ich ja keine Person kenne, außer die beiden, die mich angeworben haben. So wie man sich das vorstellt, klassische Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen der alten Schule, ältere Generationen, überwiegend Männer, sehr wenig junge Menschen. Und dann bin ich da angekommen und habe erst mal so gedacht, oh mein Gott, wo bin ich hier? Ich weiß nicht, ob manche wieder umgedreht werden und die Tür zugemacht hätten. Keine Ahnung, aber ich war froh, dass ich meine beiden Kollegen gesehen habe.
Speaker1:
[6:16] Ich hatte auch euch gefragt, woran ihr als erstes denkt, wenn ihr Gewerkschaft hört.
Speaker0:
[6:24] Wenn ich an Gewerkschaft denke, dann denke ich, wir sind die Gewerkschaft. Ich bin die Gewerkschaft. Das ist ein Spruch, den GewerkschafterInnen auf Demos ganz oft schreien. Tolle Möglichkeit, kollektiv zu organisieren und eine Gegenmacht aufzubauen. Grundsätzlich denke ich bei Gewerkschaften nicht an Streiken, weil ich eben Leckriff bin und wir, wenn wir verbeamtet sind, nicht streiken dürfen. Es gibt für mich ein Bild von Gewerkschaften sind automatisch auch feministisch und jetzt arbeite ich seit etwas über einem halben Jahr als Beschäftigte in einer Gewerkschaft und merke.
Speaker1:
[7:08] Ein bisschen Ernüchterung.
Speaker0:
[7:11] Gewerkschaften sind natürlich super wichtig, historisch gesehen aber auch gegenwärtig. Leider ist es zumindest bei uns vor Ort so, dass in den Gewerkschaften hauptsächlich Männer hauptamtlich arbeiten bzw. sich engagieren.
Speaker1:
[7:25] Okay, also Trillerpfeifen und Männer, aber auch Gegenmacht, Wir-Gefühl,
Speaker1:
[7:29] Feminismus vielleicht, aber anscheinend nicht mal unbedingt Streik. Fangen wir vielleicht wirklich mal ganz von vorne an. Was ist eigentlich eine Gewerkschaft? Gisela Neunhöfer arbeitet seit vielen Jahren hauptamtlich bei Verdi. Heute ist sie stellvertretende Landesfachbereichsleiterin für Gesundheitssoziale Dienste, Bildung und Wissenschaft in Berlin und Brandenburg und begleitet dort unter anderem Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfe. Sagen wir es so, sie kennt sich aus.
Speaker3:
[7:58] Also Gewerkschaften sind ja Organisationen, die eigentlich eine Selbsthilfeorganisation von Arbeitnehmerinnen sind und eine Organisationsform, um die eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen erstmal zu verbessern. Aber das Kerngeschäft ist ja, Tarifverträge abzuschließen, in den Betrieben präsent sein, über Betriebsräte, Betriebsvereinbarungen abzuschließen, die alle dazu da sind, irgendwie klare Regeln zu schaffen und den Leuten bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen.
Speaker1:
[8:23] Kurz zum Wort Tarifvertrag, weil das hier ständig fällt. Den handelt eine Gewerkschaft mit einem einzelnen Arbeitgeber oder einem Arbeitgeberverband aus. Und darin stehen dann Regeln, auf die sich alle geeinigt haben, zum Beispiel für Löhne, Arbeitszeiten oder Urlaub.
Speaker3:
[8:38] Und das Wichtige ist eben nicht sozusagen, dass Leute eintreten und dann diese Verantwortung an irgendjemanden, der da so beauftragt ist, abgeben. Sondern, dass es ja ganz viel darum geht, es auch selber zu machen. Also eine Tarifbewegung funktioniert nur, wenn die Leute sich beteiligen und mitmachen. Und deswegen funktioniert eine Gewerkschaft ohne demokratische Beteiligung von unten einfach nicht. Das finde ich total wichtig. Das ist nicht wie eine Rechtsschutzversicherung, wo ich einmal Geld bezahle und dann machen die halt den Rest für mich.
Speaker1:
[9:03] Okay, das trifft ziemlich genau den Perspektivwechsel, den Franzi und ich erstmal hinkriegen mussten. Von was bringt mir die Gewerkschaft zu was kann ich beitragen? Nun ist mein Engagement ja aber gefühlt an jeder Ecke gefragt, in Vereinen, Parteien, Initiativen oder sozialen Bewegungen. Ich habe jetzt nicht für alles Kapazitäten und muss mich entscheiden.
Speaker1:
[9:24] Was können Gewerkschaften also, was die anderen nicht können?
Speaker3:
[9:28] Der ganz große Unterschied zu allen anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen ist ja, dass uns das Mittel des Arbeitskampfes offen steht. Und die Frage zu sagen, ich spiele einfach nicht mehr mit, ich verweigere meinen Anteil an dieser Wertschöpfung und an diesem Funktionieren eines Systems. Das ist halt ein sehr starker Hebel, wenn er kollektiv angewendet wird. Die Arbeiterbewegung hat die 40-Stunden-Woche durchgesetzt, den 8-Stunden-Tag durchgesetzt, Arbeitsschutzregelung durchgesetzt. Ohne die Arbeiterbewegung hätte es das gesamte Sozialversicherungssystem, das wir heute haben, nicht gegeben. Weil das ist zwar ja dann von oben gekommen und ist auch nie sehr perfekt gewesen, aber sozusagen es ist ja deswegen gekommen, weil die gesagt haben, sonst wird die Arbeiterbewegung mit ihren berechtigten Forderungen ja noch stärker. Also sehr viele von den Dingen, die wir heute für selbstverständlich halten, sind durch die Arbeiterbewegung in der einen oder anderen Form erkämpft worden. Die sind uns nicht geschenkt worden, die waren auch nicht schon immer so, die sind auch nicht selbstverständlich und die können uns auch wieder weggenommen werden.
Speaker1:
[10:22] Oh ja, das passiert ja gerade und trotzdem merke ich, wie ich die Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag überhaupt nicht ernst nehmen kann. Also ich kann mir eine Erhöhung einfach nicht vorstellen. Aber Gisela macht ja noch einen anderen Punkt. Die Gegenmacht entsteht nur, wenn viele mitmachen.
Speaker3:
[10:38] Das ist mehr wie ein Fitnessstudio, da kann ich zwar Mitglied werden und dann nichts machen, dann hilft es aber halt überhaupt nicht, sondern es hilft nur, wenn ich selber hingehe und trainiere.
Speaker1:
[10:46] Wenn Gewerkschaft ein Fitnessstudio ist, dann bin ich ganz eindeutig die Person, die seit Jahren ihren Monatsbeitrag überweist und Bizeps nicht mal buchstabieren kann. Aber so ganz stimmt der Vergleich auch nicht, denn mit meinem Beitrag finanziere ich natürlich trotzdem Streikgeld, Beratung, Hauptamtliche und all die Strukturen, die Gewerkschaft überhaupt erst möglich machen. Entscheidend ist eher, mit Geld allein lässt sich noch kein Arbeitskampf gewinnen. Dafür braucht es Menschen, die sich organisieren. Zurück zu Franzi.
Speaker0:
[11:16] Ich glaube tatsächlich, dass das mein erstes Seminar war, was ich von der Gewerkschaft besucht habe. Also so ein Grundlagenseminar, was alles dahinter steckt, hinter Gewerkschaft. Also was das auch für eine Geschichte hatte, die mit wirklich auch viel Leid und Auseinandersetzung einherging. Und da habe ich dann verstanden, okay, also wenn wir uns zusammenschließen, wenn wir uns gemeinsam organisieren, dann können wir mehr durchsetzen. Und das war ein richtiger Aha-Moment für mich und weil ich den, glaube ich, für mich selber treffen konnte. Und dann habe ich für mich selber entschieden, okay, das macht total viel Sinn, da auch Gewerkschaftsmitglied zu sein und hatte dann den Antrag unterschrieben. Und ab da habe ich mich dann im Nachhinein oft gefragt, warum habe ich so lange gebraucht? Warum habe ich das nicht schon vorher erkannt, dass das eigentlich total viel Sinn macht? Aber wenn man vorher eigentlich immer nur hört, so hier und dann hast du dann den Rechtsschutz noch mit dabei und deine Lohnsteuer kannst du dort machen und Seminare kannst du besuchen und wenn du da ein Seminar besuchst, dann ist dein Mitgliedsbeitrag quasi schon amortisiert, dann hat sich das schon gelohnt. Und das hat für mich eher in dieses, das ist irgendeine Dienstleistung und weiß ich nicht, ob ich die brauche. Und als ich aber verstanden habe, dass das Geld und alles, was man auch an Zeit investiert, kann was für Menschen tun. Und das ist schon größer, als wenn man irgendwie nur Mitglied in einem Verein ist oder eine Versicherung abschließt.
Speaker1:
[12:45] Aber wie werden aus einzelnen Beschäftigten dann die Gewerkschaft? Hunderte Menschen müssen organisiert werden und die müssen sich sogar noch auf klare Forderungen einigen können. Und im Zweifel bereit sein, dafür zu streiken, ist schon ziemlich viel verlangt. Dana Lützgendorf, die uns vorhin von diesem ersten etwas abschreckenden Gewerkschaftsseminar erzählt hat, kennt diese Arbeit rund ums Organisieren von vielen Leuten sehr gut. Sie hat mehr als 20 Jahre als Pflegekraft an der Charité gearbeitet und ist heute Gewerkschaftssekretärin bei Verdi. 2021 hat Dana die Berliner Krankenhausbewegung mit organisiert, bei der Beschäftigte von Charité und Vivantes gemeinsam für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen kämpften.
Speaker2:
[13:30] Wir sind in jeder Station, in jedem Bereich, haben mit jeder Person gesprochen. Es brauchte den wichtigen Plan, den wir erstellt haben. Wir haben den auch zusammen beschlossen mit den Mitgliedern. Dann gab es in diesem Plan mehrere Meilensteine, die erreicht werden mussten, weil das Ziel und das Wichtige an der ganzen Sache ist, dass man gewinnt, wenn man Mehrheiten organisiert. Und das war der Plan, dass also Stärketests an verschiedenen Punkten der Kampagne gesetzt wurden, wo es geschafft sein muss, dass die Mehrheit mitmacht. Und das war erstmal so eine Unterschriftenpetition, dann den Forderungsratschlag und am Ende, ob man streikbereit ist und wer die Mitglied wird. Und das ist nicht so, dass bei der Unterschriftenpetition man die Unterschriftenpetition ans schwarze Brett hängt und alle unterschreiben, sondern, und das ist das Wichtigste, Mit jeder Person, die unterschreibt, muss ein Gespräch geführt werden. Und dafür brauchst du ja Menschen. Das kann nicht ich alleine machen mit noch zwei anderen Kollegen am Standort Mitte mit 600, 700, 800 Beschäftigten zu sprechen. Sondern, und dazu ist die Vorbereitung wichtig, muss aus jeder Station und aus jedem Bereich eine Person die Verantwortung übernehmen, die diese Gespräche führt.
Speaker1:
[14:48] Das Ganze läuft also in Stufen. Erst einmal herausfinden, ob überhaupt eine Mehrheit hinter dem Anliegen steht und seine Unterschrift drunter setzt. Dann gemeinsam festlegen, was genau gefordert werden soll. Und irgendwann kommt die entscheidende Frage. Sind genug Menschen bereit, dafür zu streiken? Und auch bei der Frage, was überhaupt gefordert wird, entscheidet nicht einfach irgendwer bei Verdi.
Speaker2:
[15:12] Und ähnlicher Prozess dann bei der Forderungsdiskussion. Diese Gespräche mussten geführt werden, die haben wir geführt. Und am Ende dieser 1 zu 1 Gespräche wurden die Interviews ausgewertet im Team. Also das heißt, wenn du ein Team von 30 Personen hast, manche haben gleich geantwortet, andere unterschiedlich. Dann musste sich das Team aber auf eine Forderung einen und haben gemeinsam diskutiert, haben sich beratschlagt, haben demokratisch abgestimmt und hatten das Gefühl, dass sie quasi was bewirken können. Aber es war nicht nur ein Gefühl, sondern sie haben mitgewirkt und sie haben eine richtig wichtige Stimme bekommen, die auch gehört wird.
Speaker1:
[15:46] Letztendlich also gar nicht mal so spektakulär. Menschen reden miteinander. Aber es ist eben so viel wirksamer als, wer die schickende Umfrage rum zählt, die Antworten und entscheidet dann, was gefordert wird. Sondern auf jeder einzelnen Station wird diskutiert. Was läuft hier eigentlich schief? Was müsste sich ändern? Wärst du bereit dafür, was zu tun? Und erst wenn man weiß, wir sind nicht nur drei Hanseln, die sich ärgern, sondern wir sind eine Mehrheit, wird daraus Macht.
Speaker1:
[16:13] Und was diese Mehrheit dann ganz konkret bedeutet, zeigt sich spätestens am Verhandlungstisch. Dana erinnert sich an einen Freitagabend 2021.
Speaker2:
[16:23] Die Situation gibt es in jeder Verhandlungsrunde, dass die Arbeitgeberin einem die Pistole auf die Brust setzt. Mit einem Angebot, was auf dem Tisch liegt. Es geht nicht mehr weiter. Wir sind an unsere Grenzen gekommen. Keine Ahnung. Sie müssen friss oder stirb. Und dann hat sie gesagt, ihr habt jetzt 45 Minuten Zeit, darüber zu diskutieren. Ja oder nein? und wenn ihr Nein sagt, dann sind die Verhandlungen beendet, dann war es das. Dann wird es auch nichts, dann ist das alles weg vom Tisch. Und dann sind die raus und dann saßen wir erst mal so da und dachten so, ah, Alter, okay, schon gezweifelt und denken, naja, müssen wir das vielleicht annehmen, keine Ahnung, geht es jetzt wirklich nicht mehr weiter, also sehr bezweifelt. Und dann sind wir direkt rüber zu den Teamdelegierten und haben eins zu eins berichtet, was gerade passiert ist. Das war 22.30 Uhr, Freitagabend. Und der Hörsaal war voll mit Teamdelegierten, mit ihren Handys, telefoniert mit den Kollegen, Was sagt ihr dazu? Wie steht ihr dazu? Und dann wurde abgestimmt in dem Saal und wurde gesagt, wir sagen no, wir nehmen das nicht an, wir halten den Streik. Und das war so krass, wie man, ich kann das für mich so sagen, wie in dem Moment mein Rückgrat wieder aufrecht ging und wir sind sehr selbstbewusst wieder in den Raum zurückgegangen und super gestärkt haben dann gesagt, okay, nö, machen wir nicht. Und dann ist dann wutentbrannt die Charité-Arbeitgeberseite aufgestanden und raus. Und zehn Minuten später kam dann der Anruf, dass wir am Samstag weiter verhandeln.
Speaker1:
[17:49] Hier ging es also schon längst nicht mehr um gute Argumente. Es ging um die Haltung und die Macht, die entsteht, wenn du weißt, meine Leute stehen hinter mir. Egal, was jetzt passiert, die tragen das mit.
Speaker1:
[18:01] Und diese kollektive Kraft verändert nicht nur Verhandlungen. Es verändert anscheinend auch die Menschen, die daran beteiligt sind.
Speaker2:
[18:08] Ich habe Burnout-Erfahrungen gemacht oder so beginnend, Frustration, keine Lust mehr auf Arbeit. Was die gewerkschaftliche Aktivierung und auch das Überzeugen können von Kolleginnen mit mir gemacht hat, ist, dass mich das krass empowert hat und krass auch geheilt, weil ich endlich das Gefühl hatte, ich kann was machen. Vorher war ich ohnmächtig, so machtlos. Ich habe mich machtlos gefühlt. Und dieser Aufruf damals, 2011, war eigentlich genau die Hand, die ich gebraucht habe. Und mit den Charité Verdi-Kolleginnen, mit den anderen dann auch gemeinsam gelernt habe, dass wir was zusammen verändern können, dass wir kreativ sein können, dass wir gute Ideen haben, um unsere Arbeitssituation zu verbessern. Und das hat mich krass geheilt und hat mir Hoffnung gegeben, dass wir viele sind, dass wir stark sind und dass wir was verändern können, das dauert halt eben einfach nur länger. Und das ist mir nochmal wichtig an der Stelle, dass ich seitdem eigentlich auch keine krassen Überlastungserfahrungen mehr gesammelt habe. Ich habe zwar hart gearbeitet und es waren Situationen auf der Intensivstation, die belastend waren, Aber ich wusste, irgendwann schaffe ich es, mit meinen Kolleginnen etwas dagegen zu tun.
Speaker1:
[19:23] Und dieses Ich-kann-was-machen musste Dana schließlich ziemlich schnell machen. Kaum war sie 2011 als Streikleitung ausgebildet, ging es auch schon los.
Speaker2:
[19:33] Der erste Streiktag, der war schon ganz spannend. Also erstmal hatte ich ja von Tuten und Blasen überhaupt keine Ahnung, weil mit Paragrafen und so weiter habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Ich habe die Schulung mitgemacht und ich habe mich dann an die beiden Kolleginnen in Mitte drangehängt. die wirklich erfahren waren. Der Streik hat um sechs begonnen und um sieben gab es ein Radiointerview mit Radio 1. Und ich, die noch nie irgendwie ein Interview gegeben hat oder noch nie auch irgendwie in der Öffentlichkeit stand und ja überhaupt so ein Gespräch geführt hat, sollte dann das Interview machen mit dem Radio 1 Moderator. Und ich so, what? Und das war live. Ich war eine Stunde quasi in meinem ersten Streik und habe dieses Radiointerview geführt. Ich habe dann auch so ein paar Punkte falsch genannt aus dem Tarifvertrag, was wir fordern oder was der Arbeitgeber uns nicht geben wollte oder so. Keine Ahnung, das ist auch noch falsch gesagt. Aber ist auch egal, das war völlig egal, weil das super authentisch war. Ich war so krass aufgeregt und das werde ich auch nicht vergessen.
Speaker1:
[20:27] Und bei Franzi sieht diese Entwicklung ziemlich ähnlich aus. Wir erinnern uns, die Azubi, die den Gewerkschaftssekretär eher für einen Versicherungsvertreter gehalten hat. Heute hält sie selbst Seminare, sitzt PolitikerInnen gegenüber und...
Speaker0:
[20:41] Und ich habe so viele Dinge, glaube ich, schon in der Gewerkschaft irgendwie gemacht, wo ich mir gedacht habe, so mein Gott, das hätte ich mir früher niemals vorstellen können. Also keine Ahnung, so Streikversammlungen, wo dann plötzlich gesagt wird, wer möchte auf dem Wagen stehen, auf dem Lauti-Wagen, wenn wir hier diese Demonstration mit denen, keine Ahnung wie viele tausend Leute haben, ach, das machst du. Und das sind schon so Momente, wo ich dann immer kurz vorher denke, oh Gott, wie soll das funktionieren? Und dann gucke ich aber in die Menge und sehe meine Kolleginnen und sehe Menschen, wo ich weiß, das ist total wert, mich dafür einzusetzen und dafür auch laut zu sein. Ich bin nicht alleine. Wir sind immer gemeinsam und darauf kann ich mich total krass verlassen und das gibt mir total viel Stärke.
Speaker1:
[21:29] Klingt ziemlich gut. Emanzipatorisch. Sind Gewerkschaften also automatisch feministisch?
Speaker0:
[21:36] Ich glaube, das muss nicht unbedingt. Ich glaube, man kann auch sehr deprimierende Erfahrungen innerhalb von einer Gewerkschaft machen, die so ganz unemanzipatorisch sind. Gibt es auch viele Menschen drin, die sehr glücklich sind mit ihrer Stellvertreterrolle und irgendwie auch sehr konservativ. Aber wenn man will, findet man relativ schnell auch verbündete Kollegen in der Gewerkschaft. Und dann kann man sich unglaublich weiterentwickeln. Das würde ich auf jeden Fall sagen.
Speaker1:
[22:03] Auch eine der SprachnachrichtlerInnen, du hast sie zu Beginn der Folge schon gehört, hat Gewerkschaften lange ziemlich selbstverständlich mit Feminismus verbunden.
Speaker0:
[22:12] Und jetzt arbeite ich seit etwas über einem halben Jahr als Beschäftigte in einer Gewerkschaft und merke ein bisschen Ernüchterung. Im Grunde ist es auch nicht überraschend, am Ende ist auch eine Gewerkschaft ein Spiegel der Gesellschaft. Und das Umfeld ist auch da geprägt von Alltagssexismus mit Sprüchen, die dann witzig gemeint sind, aber gar nicht witzig sind. Und so einer Tendenz dazu, nicht immer ernst genommen zu werden als weiblich gelesene Person. Und für mich schmälert das jetzt nicht die Arbeit, die passiert, aber ich denke, da ist so voll viel Potenzial, wo es auch hingehen könnte.
Speaker1:
[22:54] Ja, das wäre also zu einfach gedacht. Nur weil Menschen sich in einer Gewerkschaft organisieren, legen sie ihren Sexismus, Rassismus oder ihre konservativen Einstellungen nicht automatisch ab. Möglichst viele Menschen zu organisieren, bedeutet eben auch, möglichst viele Interessen, Lebensentwürfe und Einstellungen unter einen Hut zu bekommen. Und dann ist Gewerkschaft eben auch ziemlich genau das, was die Sprachnachrichtlerin sagt, ein Spiegel der Gesellschaft.
Speaker1:
[23:20] Aber vielleicht ist, sind Gewerkschaften feministisch oder nicht, auch nicht die richtige Frage. Wenn wir mal weiterdenken, inwiefern unterstützt Gewerkschaft denn feministische Kämpfe? Denn viele der Themen, über die ich in diesem Podcast seit Jahren spreche, haben ja ziemlich direkt mit Lohnarbeit zu tun. Wer verdient wie viel? Wer arbeitet Teilzeit und kümmert sich im Zweifel um Kinder und Angehörige? Und wo landet die Mehrarbeit, wenn die Kita zu ist und die Krankenhäuser unterbesetzt?
Speaker3:
[23:47] Wenn es um diese Frage von Verknüpfung von Feminismus und Gewerkschaften geht, ich glaube halt schon... Dass das gerade diese Frage sozusagen, wie verteidigen wir auch unsere kollektiven Güter, also sowas wie ein Sozialversicherungssystem oder sozusagen, dass diese ganzen Dinge gut und mit einer guten Personalausstattung laufen, die wir so brauchen als Sozialwesen. Kindergärten, Schulen, Hochschulen, soziale Träger, Krankenhäuser, Gesundheitswesen. Dass das so, wie unsere Gesellschaft immer noch organisiert ist, einfach für Frauen super wichtig ist. Weil wenn es nicht funktioniert und wenn es immer weiter zurückgedrängt und abgebaut wird, dann sind Frauen wieder reingedrängt, diese Aufgaben dann wieder unbezahlt zu übernehmen, sozusagen der Notnagel zu sein. Ich finde, wir sehen schon, dass Frauen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr viel mehr Verantwortung übernehmen in Gewerkschaften, dass Gewerkschaften auch viel weiblicher geworden sind. Das hat natürlich was damit zu tun, dass Frauen einen sehr viel größeren Anteil an der Erwerbsarbeit übernehmen und einfach überhaupt sehr viel sichtbarer geworden sind im Arbeitsleben, aber auch mehr Vertrauen gekriegt haben und dass Frauen auch sehr oft eben einen sehr klaren Blick dafür haben, wie viel Verantwortung wir dafür haben, unser Gemeinwesen aufrechtzuerhalten. Aus der ganzen Rolle raus, in die sie rein sozialisiert worden sind. Deswegen finde ich, Gewerkschaft und Frauen passt halt super gut zusammen.
Speaker1:
[25:01] Das macht natürlich total viel Sinn. Wenn Gewerkschaften dafür sorgen, dass die Kita verlässlich offen ist, im Krankenhaus genug Personal arbeitet und alte Menschen selbstverständlich bedürfnisorientiert gepflegt werden, muss viel weniger Arbeit privat und unbezahlt aufgefangen werden. Wobei selbst das einen ziemlich fiesen Widerspruch innehaben kann. Darauf hat mich eine Sprachnachrichtlerin aufmerksam gemacht. Sie ist Lehrerin und hat in Berlin selbst regelmäßig gestreikt. Es hat natürlich auch insofern etwas mit Feminismus zu tun, als dass ich, indem ich als Arbeitskraft dann ausfalle und die Kinder verkürzt Unterricht haben, keinen Unterricht haben, es ja im Allgemeinen wieder an den Elternhäusern, insbesondere den Müttern, hängen bleibt,
Speaker2:
[25:47] Sie zu betreuen.
Speaker1:
[25:48] Das heißt, indem ich dafür streike,
Speaker0:
[25:51] Dass wir eine...
Speaker2:
[25:53] Bessere Zukunft für die nächsten Generationen ermöglichen, dass wir bessere Bildung ermöglichen.
Speaker1:
[26:00] Um das zu schaffen, muss ich aufgrund der Strukturen,
Speaker2:
[26:04] Die es mal in der Gesellschaft gibt, diejenigen, nämlich die Frauen,
Speaker1:
[26:08] Die ohnehin schon übermäßig belastet sind, mit der Care-Arbeit noch weiter belasten, um es am Ende besser zu machen.
Speaker2:
[26:16] Und die müssen es am Ende mittragen, sie haben aber keine Wahl dabei.
Speaker1:
[26:19] Ja, das stimmt und bringt mich zum nächsten Problem. Gewerkschaften haben ihren stärksten Hebel eben dort, wo Menschen einen Arbeitgeber haben und ihre bezahlte Arbeit niederlegen können. Aber was ist mit all der Arbeit, die unbezahlt zu Hause passiert? Wie bestreike ich Abendessen kochen, Kinder betreuen oder Menschen pflegen? Und mit wem soll ich darüber einen Tarifvertrag verhandeln? Genau diese Fragen wurden dieses Jahr beim globalen Frauensternchenstreik aufgeworfen.
Speaker0:
[26:47] Das ist auch am 9. März spürbar geworden. Da hätten wir uns viel mehr Support von den Gewerkschaften gewünscht. Da kam aber ganz, ganz wenig. Ja, finde einfach, dass gerade unbezahlte Care-Arbeit bislang einfach auch von Gewerkschaften viel zu wenig in den Fokus gerückt worden ist. Da ist noch viel Luft nach oben für feministische Themen in Gewerkschaften. Da dürfen wir uns noch gut vernetzen und kooperieren.
Speaker1:
[27:15] Ich habe übrigens in der 54. Folge dokumentiert, wie es mir und anderen damit ergangen ist, zu streiken. Nur so viel, ich habe es mir ein bisschen einfacher vorgestellt, aber hör mal rein. Den globalen Frauensternchenstreik zu unterstützen und selbst zur Arbeitsniederlegung aufzurufen, sind allerdings zwei verschiedene Dinge. In Deutschland sind die Möglichkeiten für Gewerkschaften zu Streiks aufzurufen leider ziemlich eng begrenzt. Franzi dazu.
Speaker0:
[27:42] Wir haben einen Tarifvertrag, wir sind gerade in der Friedenspflicht. Man macht sich richtig doll angreifbar als Gewerkschaft, wenn man in der Friedenspflicht sagt, wir rufen jetzt hier zum Streik auf, obwohl es eigentlich quasi keinen, Tarifvertrag gibt, der ausgelaufen ist oder keine Aufforderung irgendwie zu Tarifverhandlungen. Also wir können ja bei uns auch erst streiken, wenn wir einmal mit den Arbeitgebern gesprochen haben und dann gesagt wurde, okay, unsere Meinungen gehen ziemlich weit auseinander. Erst dann ist quasi ein Streik rechtmäßig vorm Arbeitsgericht. Also Gewerkschaften sind halt total schnell angefasst, wenn man sagt, das ist ein Streik. Also es gibt dann hier tausend Streiks irgendwie, Schülerstreiks, dann feministischer Kampftagsstreik. Hier wird gestreikt und dann man aber sagen muss, das sind aber alles keine Streiks. Also nirgendwo wird da die Arbeit niedergelegt irgendwie, sondern Menschen gehen halt auf Demonstrationen. Wenn Schülerinnenstreiks, kann man da auch nochmal sagen, okay, das ist irgendwie so ein Zwischending, weil die gehen dann halt nicht in die Schule. Aber Streik an sich ist ja wirklich die Niederlegung von Arbeit.
Speaker1:
[28:43] Ein Teil des Problems ist also rechtlich. Einen allgemeinen feministischen Streik kann eine Gewerkschaft in Deutschland nicht einfach so ausrufen wie ein Tarifstreik. Franzi vermutet außerdem, dass die Mobilisierung für den 8. März, also den feministischen Kampftag, schon viele Kräfte gebunden hatte. Noch einen Aktionstag direkt hinterher zu organisieren, ist einfach schwierig. Und gleichzeitig?
Speaker0:
[29:07] Es gibt ja auch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel, warum macht man keine... Also Betriebsversammlungen an dem Tag oder Personalversammlungen irgendwie, wo man das zum Thema macht.
Speaker0:
[29:16] Und ich glaube, da können Gewerkschaften auf jeden Fall noch besser werden, das auch zu nutzen.
Speaker1:
[29:20] Und was ist mit denjenigen, die ausschließlich unbezahlte Care-Arbeit leisten? Für sie gibt es inzwischen eine eigene Interessenvertretung. Die Liga für unbezahlte Arbeit, kurz LUA, nennt sich gewerkschaftsähnlich. Denn ja, eine klassische Gewerkschaft kann sie ohne Arbeitgeber nicht sein, dann eben ein Verein. Und ihre Gründerin Jo Lücke und Franzi Helms setzen sich für nicht weniger als eine Änderung im Grundgesetz ein. Niemand darf wegen familiärer Fürsorgeverantwortung benachteiligt werden, soll mit rein zu Artikel 3. Die Care-Werkschaft Lua sucht natürlich auch immer nach neuen Mitgliedern. Mehr Infos findest du in den Shownotes.
Speaker3:
[30:00] Ich glaube, dass ja implizit in vielen von unseren Kämpfen das immer mit drinsteht. Also alle Kämpfe, die sich um Arbeitszeitverkürzung drehen, haben natürlich zum Ziel, dass Menschen mehr Zeit sozusagen für ihr Privatleben haben, inklusive der unbezahlten Care-Arbeit.
Speaker1:
[30:13] Ergänzt Gisela Neunhöfer die ganze Diskussion rund um Sorgearbeit und Gewerkschaft.
Speaker3:
[30:18] Wir hätten die Ressourcen in diesem Land, dass alle nur noch eine 30-Stunden-Woche arbeiten. Warum machen wir das eigentlich nicht? Warum diskutieren wir über eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit irgendwie, wo es total klar ist, dass ganz viele Rentner gerade in den Anfangsjahren ihrer Rente irgendwie sehr viel unbezahlte Care-Arbeit übernehmen. Also wer soll das denn dann alles machen? Jetzt haben wir die Situation, dass eigentlich die Forderung ist, dass beide Teile, also wenn ich mal von so einer klassischen Sozialfamilie ausgehe, dass beide Teile möglichst Vollzeit arbeiten sollen und keine Lifestyle-Teilzeit machen sollen. Und wer soll denn dann diese verdammte Care-Arbeit machen? Ja, voll.
Speaker1:
[30:51] Und wäre das jetzt irgendwie im Bereich des Möglichen, dass Verdi sich auf die Fahne schreibt, so wir sind jetzt generell dafür, dass alle maximal 30 Stunden arbeiten, vor allem wenn sie irgendwie Kehrverantwortung haben. Also habt ihr da wirklich den Hebel dazu oder wie schätzt du das ein?
Speaker3:
[31:08] Auf eine Fahne schreiben kann man immer alles.
Speaker1:
[31:10] Ja, klar.
Speaker3:
[31:10] Also wenn eine Organisationseinheit den Antrag stellen würde, die Verdi-Position soll sein, wir setzen uns für eine 30-Stunden-Woche ein, Dann würde das seinen Weg durch die verschiedenen Konferenzen gehen wahrscheinlich. Also keine Ahnung, unser Bezirksfachbereich würde beschließen, wir sind für die 30-Stunden-Woche. Dann geht es an unseren Landesbezirksfachbereich oder auch an den Landesbezirk, wo dann alle Fachbereiche zusammen sind. Und dann sagen die, ja, wir finden das alle auch richtig und beschließen das auch. Und dann schicken die das über eine Kette von Ereignissen an den Bundeskongress. Und dann würde der Bundeskongress sagen, super Idee, WERDI setzt sich ein für die 30-Stunden-Woche. Und dann kommt die spannende Frage, wie setzen wir das durch? Haben wir genügend politischen Wumms, kriegen wir ein paar hunderttausend Leute mehrfach hintereinander auf die Straße, kriegen wir Streikbewegungen hin, die das als tarifliche Forderungen formulieren und sagen, im Tarifvertrag im öffentlichen Dienst setzen wir jetzt eine 30-Stunden-Woche durch. Und dann merkt man ja sofort, wie sich das anfühlt. Crazy. Fühlt sich jetzt im Moment gerade nicht so realistisch an. Crazy. Was da für ein Organisationsaufwand dahinter stecken würde, dass die Leute in dieser Stärke auf die Straße gehen und es dann so lange durchhalten, bis sie es durchgesetzt haben. Dass wir die Argumente am Start hätten, warum dann nicht das gesamte Land dem Untergang geweiht ist. Also du musst die Menschen ja auch davon überzeugen, dass das funktionieren kann. Oder müsste man sagen, das muss eigentlich eine europäische Bewegung sein, weil das in einem Land wahrscheinlich tatsächlich nicht funktioniert, sondern weil das sozusagen eine größere Bewegung sein müsste für eine Umverteilung von Arbeit. Und das würde sehr, sehr viele Dinge nach sich ziehen.
Speaker1:
[32:39] Puh, ja. Ich gebe zu, während Gisela mir das so durchdekliniert hat, bin ich innerlich kurz abgedriftet, denn der schnellste Weg zur 30-Stunden-Woche ist das sicherlich nicht. Erst Mehrheiten innerhalb der Gewerkschaft organisieren, dann einen Beschluss bekommen. Und dann beginnt eigentlich erst die Arbeit. Hunderttausende überzeugen, auf die Straße zu gehen, Tarifbewegungen organisieren und lang genug durchhalten. Andererseits den Acht-Stunden-Tag und die 40-Stunden-Woche hat die Arbeiterbewegung ja auch nicht geschenkt bekommen, das haben wir ja schon gelernt. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Solche Mehrheiten entstehen ja nicht einfach, weil sich irgendwer eine besonders gute Forderung ausdenkt. Manchmal fängt es erstaunlich klein an.
Speaker1:
[33:25] Zum Beispiel mit einer Frau, die in ihrer 30-minütigen Mittagspause überlegt, ob sie überhaupt zu diesem Gewerkschaftstreffen gehen soll oder nicht. Agnieszka Jastrzemska arbeitet in der Großküche der Charité-Tochter CFM. KollegInnen, die direkt bei der Charité angestellt sind und im Grunde die gleiche Arbeit machen, verdienten deutlich mehr. Wie viel mehr wurde Agnieszka bei der Vorbereitung des Arbeitskampfes erst so richtig klar.
Speaker0:
[33:54] Dann haben wir ja gesehen, die oder der verdient 700 Euro als ich. Ja, das ist schon krass.
Speaker0:
[34:07] Diese erste Treffen mit Verdi Organizer. Dort war ich die einzige Frau und das war meine 30 Minuten Mittagpause bei mir Spätschicht. Und ich habe überlegt, ob ich dort gehe. Mein Gott, wozu Agnieszka, du wirst sowieso die Hälfte nicht verstehen und so weiter. Aber irgendwie habe ich gedacht, okay, geht so einfach. Und die Jungs waren einfach so offen. Die haben auf jede Frage geantwortet. Oder die haben gesagt, okay, ich kenne die Antwort jetzt nicht, aber ich erkundige mich. Und die haben mich einfach mit dieser positiven Energie, die haben mich einfach überzeugt. Und habe ich gedacht, okay, wenn nicht jetzt, dann wann? Ich habe darüber gesprochen, mit den Leuten, die ich vertrauen konnte, und die haben gesagt, okay, Agnieszka, ganz interessant. Und irgendwann von 500 bis 600 Leuten bei der Gewerkschaft sind wir 40 geworden. Und in diesem Moment habe ich einen Schreck bekommen, Agnieszka, wenn du so viele Leute organisiert. Was machst du, wenn der Streik schief läuft?
Speaker0:
[35:31] Das war schon dieses Gefühl. Mein Gott, Agnieszka. Ja.
Speaker1:
[35:37] Wie Agnieszka schließlich selbst am Verhandlungstisch landet, 48 Tage lang streikt und warum sie heute sagt, dieser Arbeitskampf hat ihr ganzes Leben verändert, darum geht es in der zweiten Folge. Ich freue mich, wenn du im November wieder dabei bist. Vielen Dank an Verdi für die Unterstützung. Besonders danke ich Gisela Neuenhöfer, Dana Lützgendorf und Kilian Weißer. Außerdem natürlich Franziska Aurich und Agnieszka Jastrzemska. Meine lieben SprachnachrichtlerInnen haben dieser Folge wie so oft den nötigen Spice verliehen. Vielen Dank dafür. Folge mir gern auf Instagram Feminismus mit Vorsatz Podcast heiße ich da oder abonniere mein Newsletter auf Substack. Ich freue mich auch über eine gute Bewertung in deiner Podcast-App und verbleibe an dieser Stelle wie immer mit feministisch vorsätzlichen Grüßen.
Speaker2:
[36:25] Tschüss!